Bild: Tempora Nostra: Geschichte sehen - hören - begreifen

Grundlagen mittelalterlicher Denkmuster von Stephan Zöllner


Denken und Fühlen

Grenzen der Erkenntnismöglichkeiten

Über das Denken und Fühlen anderer zu schreiben oder gar zu urteilen ist eine heikle Angelegenheit. Denn strenggenommen ist das nicht einmal innerhalb einer Kultur möglich. Trotzdem soll versucht werden, dieses Denken und Fühlen des mittelalterlichen Menschen darzustellen, soweit das mit den vorhandenen Quellen, Informationen und Zugangsmöglichkeiten durchführbar erscheint. Natürlich können dabei nur relativ allgemeingültige und warscheinlich subjektive Aussagen entstehen.

Selbstverständnis

Der mittelalterliche Mensch verstand sich viel weniger als Individuum, als wir heute, sondern viel mehr als Teil einer ganzen, größeren göttlichen Ordnung. Dieser Ordnung, und damit der Gemeinschaft, zu dienen gab dem mittelalterlichen Menschen Sicherheit, weil er sich an seinem, ihm von Gott zugeordneten Platz befand. Das bedeutet, daß die bestehende Ordnung niemals ohne große Not oder einen triftigen Grund in Frage gestellt wurde. Das ist übrigens eine Situation, die auf praktisch alle stabilen Gesellschaften zutrifft (weitgehend auch auf unsere), wobei grundlegende oder schnelle Veränderungen blockiert werden, um die Gesellschaft zu erhalten.

Das "Sich unterstellen" unter diese göttlichen Ordnung bedeutete aber keineswegs, daß es keine persölichen Freiheiten in der hochmittelalterlichen Gesellschaft gab. Aber der Freiheits-Spielraum war, nach unserem heutigen Verständnis, geringer. Im Mittelalter wurde die Harmonie mit der bestehenden göttlichen Ordnung als die eigentliche Freiheit betrachtet. Die für uns heute so wichtige Frage nach der persönlichen Freiheit war übrigens im Mittelalter, außer bei extremer Unterdrückung oder Ausbeutung, keine der wesentlichen Fragen.

  • Der mögliche Grad an Freiheit, den ein Mensch erfahren konnte, war zuerst durch seinen Stand bedingt, der seine Rolle in der Gesellschaft maßgeblich bestimmte. Aber selbst der größte Herrscher wußte noch mindestens einen, dem er Verantwortung schuldig war, denn egal wie wir den mittelallterlichen Glauben beurteilen - damals galt die Existenz und Herrschaft Gottes als unbestrittene und unbestreitbare Tatsache.
  • Zum zweiten waren die möglichen Freiheiten abhängig von der wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit, die die Gemeinschaft bieten konnte. Und auf den Erfolg SEINER Gemeinschaft hatte jeder Einfluss, indem er SEINE Aufgabe an SEINEM Platz erfüllte.
  • Ebenso beeinflußte der Führungsstil eines Herrschers entscheidend den Spielraum seiner Untergebenen und Schutzbefohlenen. Dabei waren die unmittelbaren Herrscher, wie Grafen und Vögte, meist wichtiger als Könige oder Kaiser.

Zu den Fragen, die die Menschen damals vorwiegend bewegten, zählt vor allem die Frage nach der Erlösung, dem Jenseits oder der Ewigkeit. Das hatte eine tiefe Frömmigkeit zur Folge, die das ganze Leben und Sterben durchzog. Ohne das Nachvollziehen dieses tief verwurzelten Bedürfnisses werden manche Erklährungsversuche mittelalterlichen Handelns zu kurz greifen oder ganz scheitern.

Der Tod hatte nicht die Bedeutung wie Heute, denn er war ja nur der Übergang in eine andere, nicht körperliche Daseinsform. Der Tod, so viele Beziehungen er auch zerriß, war nur schrecklich, wenn er ohne ausreichende Vorbereitung eintrat und damit das Seelenheil gefährdete.

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