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Der Schleier - eine Geschichte der Formfindung

Ich hatte ja versprochen, Einblicke in unsere Arbeitsweise zu bieten: Voilà...

Der Schleier ist ein Must-Have der mittelalterlichen Damenmode. Natürlich hatte ich auch so ein Ding, am liebsten getragen zum Wimpel, wenn es kalt war. Die Form: ein Halboval, die gerade Seite vorne getragen und hinten die elegante Rundung. Das war 'mal so state-of-the-art. Schließlich sieht man die Schleier ja nie von hinten und die Rundung hinten schien irgendwie praktischer zu sein als diese Zipfel, die sich bei eckigen Schleiern ergeben.

Mein alter Schleier
Mein alter Schleier

Und dann tauchten plötzlich Bilder auf Pinterest auf: Schleier von hinten - und eckig. Was tut man da? Ab ins Museum - in diesem Fall mit Freundinnen und Mann zusammen ins Schnüttgen-Museum. Da gibt es tatsächlich eine Marien-Skulptur, bei der auch die Rückseite des Kopfes zumindest ansatzweise ausgearbeitet wurde.
Wir sind fast vom Personal 'rausgeschmissen worden, weil wir heftig diskutierend und gestikulierend zu mehreren um diese Skulptur turnten (natürlich ohne sie zu berühren!). Der Schleier war eindeutig hinten eckig. Und nicht nur dieser: alle Abbildungen, bei der ein Schleier von hinten zu sehen ist, weisen eckige Schleier auf.

Madonna aus dem Schnüttgen-Museum (vorne)
Abb. 20.1: Madonna aus dem
Schnüttgen-Museum (vorne)

Madonna aus dem Schnüttgen-Museum (hinten)
Abb. 20.2: Madonna aus dem
Schnüttgen-Museum (hinten)

Madonna aus dem Schnüttgen-Museum (seitlich)
Abb. 20.3: Madonna aus dem
Schnüttgen-Museum (seitlich)


Damit war eines klar: neue Schleier mussten her (im Winter, natürlich ;-) ). Denn die Abbildungen von den eckigen Schleiern beweisen zwar noch nicht, dass es hinten kein Halboval gegeben hat, aber sie zeigen, dass es die eckige Form mit Sicherheit gegeben hat - und das Ziel meiner Darstellung ist nun einmal eine möglichst gute Beleglage zu haben mit so wenig Spekulation wie möglich.

Die Diskussion wurde dann einige Zeit später auf dem Mittelalter-Stammtisch in Ratingen neu befeuert. Irgendwie war niemand mit seinem bisherigen Schleier so recht zufrieden. Das sah letztendlich auf den Abbildungen immer anders aus. Außerdem gab es so viel mehr Schleierformen als dieses ewige, einfach auf den Kopf gelegte Halboval. Weg von der Uniformität, hin zu mehr Vielfalt!
Also Tablets rausgeholt und Bildersammlungen auf Pinterest und Fotos aus dem Museum durchforstet. Wenn man sich die zeitgenössischen Abbildungen von Schleiern nämlich mal so anschaut, fällt schnell auf, dass die Schleier selten einfach so gerade herunterhängen, sondern vielmehr vorne einen kaskadenartigen Fall haben (mal mehr, mal weniger). Blieb also die Frage, wie man solche Kaskaden erreicht. Was nun folgte, war sicher sehr amüsant für die anderen Besucher unserer Kneipe: es wurden Schals, Tücher und sogar Servietten kunstvoll auf den Köpfen drapiert und der Faltenfall lautstark und mit unerlässlichem Gestikulieren begutachtet und mit den Original-Abbildungen vergleichen. Dabei stellte sich heraus, dass es da offenbar verschiedene Möglichkeiten gab. Einige Schleier sind vorne eindeutig auch eckig und nur ein, zweimal umgeschlagen, andere scheinen eher Volant-artig zu fallen, was eine ovale Form - allerdings vorne - bedingen würde.
Außerdem gibt es da noch Abbildungen von Schleiern, die auf der einen Seite ganz normal aussehen, aber auf der anderen Seite länger auslaufen und elegant um den Hals geschlungen werden. Auch das fand ich sehr interessant, zumal eine meiner Lieblingssulpturen, eine der Tugenden am Straßbuger Münster, ein solches schalartiges Schleiertuch trägt (Abb. 20.5).

Solchermaßen beflügelt habe ich dann zu Hause erst einmal den guten schwedischen Baumwoll-Ausprobier-Stoff 'rausgekramt und ein bisschen 'rumprobiert. Vor allem hat mich der ovale Schnitt interessiert, da wir den natürlich mit den eckigen Schals und Servietten nicht richtig ausprobieren konnten. Die beiden Selfies (*hüstel*, aber man muss das Ganze ja über den Messenger weiterdiskutieren) zeigen sehr schön den Unterscheid zwischen beiden Varianten. Schön daran ist auch, dass der Schleier nun die Schulter-lange Optik hat, die man gegen Ende des 13. Jahrhunderts / Anfang des 14. so oft findet. Tatsächlich reicht der Schleier hinten aber weit auf den Rücken hinunter. Versuche, die ich mit kurzen Schleiern gemacht hatte, waren nämlich nie wirklich zufriedenstellend. Das hier sah da schon besser aus. Der Fall des Baumwollstoffes ist natürlich nicht so schön, wie der von leichtem Leinen - aber für das Prinzip reichte es erst einmal.
Meinen alten halbovalen Schleier konnte ich leider nicht weiter verwenden, indem ich ihn einfach umdrehte und die ovale Seite nach vorne nahm, denn für das Fälteln, welches für den kaskadigen Fall nötig ist, ist er zu kurz (es bleibt nicht mehr genug Material auf dem Rücken übrig).

Erster Versuch: Halboval vorne, gefältelt
Erster Versuch: Halboval
vorne, gefältelt
Erster Versuch: vorne gerade, gefältelt
Erster Versuch: vorne
gerade, gefältelt

Also habe ich mich im Winter (sprich: eine Woche vor der nächsten Veranstaltung) hingesetzt und 2 neue Schleier genäht: einen halbovalen Schleier und ein Schleiertuch. Für das Schleiertuch könnte man theoretisch auch einen Wimpel nehmen (die rechteckige Form), aber ich habe mich nach dem 'Rumprobieren mit dem Wimpel dazu entschieden, das Schleiertuch etwas kürzer und dafür breiter zu machen. Kürzer, damit es mir nicht so arg weit den Rücken herunter hängt und breiter, damit ich es auch noch einmal fälteln kann, das sieht bei meinem schmalen Gesicht etwas gefälliger aus (finde ich zumindest ;-) ).

Hier nun also meine neue Schleierinterpretation. Das sieht meiner Meinung nach den Abbildungen wesentlich ähnlicher.
Vor allem das Schleiertuch (ca. 150 x 60 cm) erwies sich als ausgesprochen praktisch. Bei kühlem Wetter kann man es etwas halsnäher tragen, dann wärmt es angenehm. Bei warmem Wetter trägt man es halsferner, dann ist der luftige Schleier sehr angenehm gegen die Sonne. Das könnte mein neuer Lieblingsschleier werden, vor allem wenn mir Frostbeule dann mittags doch zu warm wird und ich das Ganze mit einem Handgriff ändern kann und abends geht dann alles einfach wieder alles retour... Wimpel mit Schleier ist da weniger flexibel.
Mit dem Halboval-Schleier (ca. 83 x 78 cm, das Halboval ist nur in den ersten 19 cm) bin ich noch nicht 100%ig glücklich, da muss ich noch an der richtigen Fältelung arbeiten und hinten ist er dann doch eine handbreit zu lang geworden. Aber das sollte kein Problem sein, das zu ändern.

Resultat: Halboval vorne, gefältelt
Resultat: Halboval
vorne, gefältelt
Resultat: Halboval vorne, gefältelt
Resultat: Halboval
vorne, gefältelt
Resultat: Halboval vorne, gefältelt
Resultat: Halboval
vorne, gefältelt
Resultat: Schleiertuch
Resultat: Schleiertuch
Resultat: Schleiertuch
Resultat: Schleiertuch

Was lernen wir daraus: Man muss immer dazu bereit sein, sein Wissen zu verifizieren, denn auch Dinge, die man Jahre lang für gut und richtig hielt, können beim Auftauchen einer neuen Quelle plötzlich überholt sein. Das ist aber eigentlich genau das, was das Hobby so spannend macht: dass man auch nach 20 Jahren immer noch nicht ausgelernt hat.

Last but not least: Vielen Dank an Silvia, Eva und Ulrike, die mit mir so eifrig diskutiert, gestikuliert und rumprobiert haben!


Ergänzung...

Es hat sich gezeigt, dass es wohl sinnvoll wäre, hier noch ein paar mehr Originale einzubauen, die einem zeigen, wie der Schleier denn nun am Besten fallen sollte. Denn natürlich sollte es das Ziel sein, die Optik und damit den Geschmack von damals mit einer Rekonstruktionen zu treffen.

Ein paar Anmerkungen noch zum Halb-Oval-Schleier:
Meist ist diese Schleierform mit einem Schapel oder eine Krone kombiniert. Dadurch ist es natürlich einfacher, den Faltenwurf zu kontrollieren und zu fixieren. Diese Form ist für mich eher weniger interessant, da das Ganze meist ohne Gebende getragen wird und daher für eine verheiratete Frau wie mich ungeeignet ist. Aber es gibt tatsächlich auch etwas mit Gebende: Anna Selbdritt, also Marias Mutter, Maria und Jesus. Anna ist als verheiratete Frau mit Gebende und Schleier dargestellt, die Jungfrau Maria (rechts) nur mit Schleier.


Nun noch ein paar Abbildungen vom Schleiertuch (oder Schalschleier). In den meisten Fällen scheinen die Schleier asymetrisch angeordnet zu sein. Auf der einen Seite (ich nenne sie jetzt 'mal Anfangsseite, weil sie von der anderen Seite überlagert wird) geht der Schleier wohl ungefähr bis zur Schulter, die andere Seite wird vorne, sehr locker am Hals entlang, über die andere Schulter nach hinten geführt (Abb. 20.5, 20.6, 20.7). Auch das Schleiertuch kann mit (Abb. 20.6) oder ohne Gebende (Abb. 20.5) getragen werden. Teilweise sieht es so aus, als sei auch hier eine Art Rundung im Stoff vorhanden, da das Schleiertuch kaskaden-artig fällt, ähnlich dem Halboval-Schleier. Bei einer weiteren Trage-Variante hängt auch die Anfangsseite etwas länger hinab (Abb. 20.8). Allen Varianten gemein ist aber die eher locker gelegte Hals-Partie, es wird hier nicht so fest gewickelt wie etwa beim Wimpel. Noch eine andere Variante (die aber eher selten auftaucht) ist das halbwegs symetrisch getragene Schleiertuch (Abb. 20.9).


Anmerkung: Die Bemalung (Farben und Musterung) der Freiburger Skulpturen bitte außen vor lassen - sie ist nicht mehr original!