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Mode im Hochmittelalter von Gabriele Klostermann

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Prinzip des Schnittaufbaus im Hochmittelalter (speziell im Zeitraum 1230 - 1320)

Die Schnittmuster bauen sich aus geometrischen Formen aus, hauptsächlich Rechtecke und Dreiecke. Dabei war damals die Stoffersparnis stets oberstes Ziel, d.h. es sollte möglichst wenig Verschnitt geben. Dies lies sich durch eben diese Aufteilung des Stoffes in die geometrischen Grundformen sehr gut bewerkstelligen.
Die Dreiecke, die als sogenannte Gere in bzw. an die recheckige Stoffbahn ein- bzw. angesetzt wurden, sind ebenfalls aus einem Rechteck entstanden, indem man es einfach diagonal teilte. So entstanden 2 rechtwinkelige Dreiecke. Somit konnte die Stoffbahn, die von der Natur des Herstellungsprozesses her rechteckig ist, in lauter Rechtecke unterteilt werden.

Ausgegangen wird dabei von je einem rechteckigen, ca. 35- 60 cm breiten Rumpfstück für vorne und hinten. Dieses Rumpfstück wird mit Hals- und Ärmelausschnitten versehen - dabei ist es sinnvoll. zunächst nur zu zeichnen und noch nicht zu schneiden (Nahtzugabe nicht vergessen!!!). Wobei der Halsausschnitt des hinteren Stoffteils weniger ausgeschnitten ist als der des Vorderteils. Auch die Schulter wird leicht angeschrägt. Damit weist das hochmittelalterliche Schnittmuster in dieser Beziehung bereits die modernen Schnittformen auf. Siehe Abb. 1.
Um nun die benötigte oder erwünschte Weite zu erhalten, werden die Gere eingesetzt. In der Grundform werden die Rumpfteile also rechst und links erweitert, indem man die rechtwinkeligen Dreiecke mit der längsten Seite (die Hypotenuse) an den Rumpf angenäht. Der rechte Winkel landet dabei also immer unten und außen.
Die lila Pfeile kennzeichnen den Fadenverlauf.

Rumpfteil vorne und hinten plus 4 Gere
Abb. 1

Natürlich kann man nun noch Mittelgere einsetzen, um mehr Stofffülle zu erreichen. Dies ist natürlich nicht unbedingt für eine einfache Darstellung geeignet.
Auch die Mittelgere werden hergestellt, indem man Rechtecke diagonal teilt. Wenn man die 2 Dreiecke aus einem Rechteck mit der rechtwinkeligen langen Seite zusammennäht, erhält man ein gleichschenkliges Dreieck, das dann als Keil eingesetzt wird. Dies geschieht, indem man das jeweilige Rumpfstück von unten her auf die Länge des Keils aufschneidet. Das Einnähen des Gers ist vor allem an der Spitze eine ziemlich fummelige Angelegenheit.

Im Prinzip wäre damit der Schnitt für einen einfachen Surkot fertig. Dafür kann man je nach dargestellter Zeit und Person die Ärmellöcher noch ein wenig erweitern. In diesem Fall schneidet man die vorgezeichneten Lienen am Rumpf aus (Nahtzugabe nicht vergessen!!!) und näht die beiden entstandenen Stoffteile erst an den Schultern und dann an den langen Außenseiten rechts auf rechts zusammen. Anschließend wird Halsausschnitt, Ärmellöcher und unteren Saum versäubert. Natürlich kann man das Ganze auch füttern. Dazu wird der gesamte Schnitt auch auf den Futterstoff übertragen. Zum Schluss werden die beiden fertigen Kleider quasi in einander gesteckt und an Halsausschnitt, Ärmelausschnitten und unterem Saum zusammen genäht.

Für alles, was Ärmel bekommt, schneiden wir nun zunächst nur den Halsausschnitt und die Schultern oben aus (Nahtzugabe nicht vergessen!!!). Beide Stoffstücke werden nun rechts auf rechts nur an der Schulternaht zusammengenäht. Die langen Seitennähte bleiben also offen! Ob das historisch ist, weiß ich nicht, aber es ist die einfachste Methode, die Ärmel richtig einzupassen ;-).

Ärmel:

Cotta mit Ärmeln, Rückansicht
Abb. 2

Kommen wir nun zum schwierigsten Teil, den Ärmeln. Einen universellen Schnitt dafür zu entwerfen, ist - zumindest mir ;-) - nicht möglich. Ich werden daher nur grob die Vorgehensweise erklären.
Vom Prinzip her wird der Ärmel nach untern zum Handgelenk hin immer schmaler. Für eine einfache Darstellung sollte er aber auch unten so weit bleiben, dass man den Ärmel noch umkrempeln kann. Für eine mittlere Darstellung (oder eine höhere Darstellung vor 1280) wird der Ärmel unten so geschnitten, dass er am Unterarm eng anliegt. Am Handgelenk bleibt ein Schlitz, damit man die Hand durch die Öffnung bekommt. Wer Adel vor 1280 darstellt, darf sich dann jedesmal in den Ärmel einnähen lassen ;-). Wer Adel nach 1280 macht, darf viele kleine Knöpfe annähen und vielen kleine Knopflöcher machen.
Fast immer ist es so, dass der Ärmel oben durch einen Keil erweitert wird. Die genaue Form hängt allerdings vom Träger des Kleides ab. Da muss man erst einmal mit einem möglichst billigen Stoff herumprobieren. Möglichkeiten, die Keile zu designen findet ihr unter den historischen Schnittmustern.
Ich persönlich halte mich da an das Gewand der hl. Elisabeth.
Wichtig ist dabei, dass die Naht des Ärmel nicht - so wie wir das heute kennen - unten am Ärmel verläuft, sondern hinten. Siehe Abb. 2.
Der obere Abschluss des Ärmels, der in das Ärmelloch eingenäht wird, weist bereits die moderne Armkugel auf. Bei modernen Schnittmustern sind Ärmelausschnitt und Armkugel genau auf einander abgestimmt. Das ist jedoch nicht nötig, wenn man ein bisschen trickst. Wie man den Ärmel am besten einnäht, habe ich unter Tipps und Tricks beschrieben.

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