Bild: Tempora Nostra: Geschichte sehen - hören - begreifen

Tempora Nostra im Pro7-Magazin Galileo zum Thema "Mode im Mittelalter"

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Am 22.09.2006 wurde der Beitrag "Mode im Mittelalter" im Pro7-Magazin "Galileo" gesendet. Tempora Nostra hat dazu mit Requisiten zum Thema Mode/Kleidung und mit Fachwissen beigetragen. Gedreht wurde in der Bachritterburg.

Leider sind dabei einige Fehler von Seiten der Redaktion passiert sowie einige Ungenauigkeiten von unserer Seite vorgekommen, zu denen ich hier gerne Stellung nehmen möchte.
Schließlich lernt man aus Fehlern mitunter besonders gut... ;-)

Vorankündigung von Pro7 im TV-Programm:

»22.09.2006, 19:00 Uhr
Galileo
Magazin, Information, D 2005
"Galileo" reist ins Mittelalter: Mode im Mittelalter (Teil 5)
Unterhose, BH, Hose, Rock und Bluse - für uns heute selbstverständlich. Im Mittelalter waren diese Kleidungsstücke unbekannt: Die Männer trugen Beinlinge (überlange Kniestrümpfe) - darüber die Cotta, ein Oberkleid. Unterwäsche war unbekannt. Verheiratete Frauen mussten ihr Haar unter einer Haube verbergen - offenes Haar war Prostituierten vorbehalten. "Galileo" mit einer mittelalterlichen Modenschau ... Außerdem: Der Bettdecken-Test«

Kommentar:
Dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken mussten, ist korrekt - offenes Haar war jedoch Jungfrauen (also nicht verheirateten Frauen) vorbehalten. Da man Prostituierte nicht unbedingt als Jungfrauen bezeichnen kann, war das also auch nicht ihr Erkennungsmerkmal. Dass Prostituierte sich grundsätzlich mit Gelb zu kennzeichnen hatten (wie im Galileo-Beitrag vom 20.09.2006 gesagt wurde), ist auch nur die halbe Wahrheit: das konnte von Stadt zu Stadt und von Jahrhundert zu Jahrhundert differieren - teilweise war es z.B. ein roter Schleier (z.B. in Köln). Ein Schleier ist übrigens eine Kopfbedeckung...



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Vorankündigung von Galileo am 22.09.2006

» Mode im Mittelalter
Galileo vom 22. September 2006

Unterhose, BH, Hose, Hemd und Bluse – für uns selbstverständlich. Kaum vorstellbar, dass im Mittelalter keines dieser Kleidungsstücke existierte! Die Männer trugen Beinlinge – overknee-Strümpfe würde man heute neudeutsch sagen – darüber die Cotta, ein Oberkleid. Die Frauen ein Unterkleid und eine längere Cotta, Damenunterwäsche war ansonsten unbekannt.
Für die Männer gab es Unterhose in XXXXXL – mit einer Stofffülle, die wir heute nur noch zum Lachen finden. Reiche zogen sich so unpraktisch wie möglich an, damit jeder sehen konnte: Ich habe es nicht nötig zu arbeiten. Dazu gehörten z.B. extrem eng geknöpfte Ärmel und überlange Kleider, die die Frauen beim Gehen raffen mussten, um ein paar Schritte gehen zu können.
Galileo schickt eine moderne Blondine auf Zeitreise ins Frühmittelalter – und zeigt in einer Mittelalter-Modenschau, was man im 14. Jahrhundert WIRKLICH drüber und drunter anhatte!

Dank an:
www.bachritterburg.de
www.tempora-nostra.de«

Kommentar:
Tempora Nostra (und damit auch der Beitrag) bewegt sich um das Jahr 1300. Die Mode, die man damals trug, ist eher dem späten 13. Jahrhundert zuzurechnen. Im 14. Jahrhundert hat sich die Mode mehrmals geändert/weiterentwickelt und sah ganz anders aus als um das Jahr 1300. Daher ist diese zeitliche Einordnung ("im 14. Jahrhundert") sehr irreführend.
Und im Übrigen ist das 14. Jahrhundert auch nicht das Frühmittelalter. Es wird im Allgemeinen eher zum Spätmittelalter gerechnet, zumindest die 2. Hälfte. Die Mode um 1300 ist jedoch ins Hochmittelalter einzuordnen.


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Galileo-Beitrag vom 22.09.2006: "Mode im Mittelalter"

Wer den Beitrag nicht gesehen hat, kann das hier (in einem neuen Fenster) nachholen:
Video "Mode im Mittelalter"

»...
Mit ihren 22 Jahren wäre Sandra im Mittelalter schon längst Ehefrau und Mutter und die dürfen keine Haare zeigen.
...
Lange Haare sind seit jeher ein Sexsymbol - offen tragen sie nur kleine Mädchen und Prostituierte.
...«

Kommentar:
Zum Thema Kopfbedeckung bei Frauen:
Korrekt ist, dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken mussten. Das heißt jedoch nicht gleich, dass kein Haar mehr zu sehen sein durfte. Gerade beim Gebende sind durchaus Haare zu sehen - die konnten unter dem Gebende sogar offen getragen oder wahlweise zu Zöpfen geflochten oder aufgesteckt werden. Es gab freilich auch Kopfbedeckungen, die das Haar (und Hals und Nacken) komplett bedeckten. Diese galten dann als sehr züchtig und sind deshalb auch vielfach in der Nonnentracht anzutreffen. Dass die Haare gerade bei der arbeitenden Bevölkerung größtenteils bedeckt waren, hatte auch praktische Gründe. Ein Gebende ist jedenfalls nicht unbedingt das Mittel der Wahl bei körperlicher Arbeit, das fällt eher unter Kopfputz - nichts desto trotz tat es der Vorschrift, das Haar zu bedeckten, Genüge.
Nun zu den offenen Haaren - was hier gleichbedeutend mit unbedecktem Haar ist: offenes Haar wurde von Jungfrauen, also nicht verheirateten Frauen getragen. Ob Prostituierte die Haare offen trugen, läßt sich für das Hochmittelalter so nicht bestätigen. Das heißt nicht, dass es grundsätzlich auszuschließen ist, aber es ist nicht das Erkennungsmerkmal. Wie oben schon beschrieben, waren teilweise sogar bestimmte Kopfbedeckungen für Prostituierte vorgeschrieben. Mit dem Statement "Prostituierte tragen das Haar offen" verhält es sich ähnlich wie mit dem Satz: "Bayern tragen Lederhosen". Klar gibt es Bayern, die lederne Trachtenhosen tragen - aber nicht jeder Bayer trägt immer eine Krachlederne und nicht jeder, der eine wie auch immer geartete Lederhose trägt, ist automatisch Bayer. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind Frauen, die offene Haare tragen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Jungfrauen. Abbildungen von Prostituierten, an denen man die Haartracht verifizieren könnte, sind so selten, dass mir momentan trotz intensiven Nachdenkens keine einzige einfällt.



»...
Spinnräder werden von vielen Predigern als Teufelszeug verdammt. Spinnräder sparen Zeit, und dann haben die Frauen mehr Zeit für Sünde...«

Kommentar:
Das ist wieder so ein Fall von Simplifizierung. Tatsächlich gab es wohl Prediger, die Spinnräder im 13. Jahrhundert verdammt haben. Aber genau wie heute sind solche Geschehnisse in den aller seltesten Fällen nur religiös bedingt. Damals wie heute spielen da wirtschaftliche und soziale Apekte mit hinein.
Spinnräder wurden z.B. verschiedentlich auch innerhalb der entsprechenden Zünfte verboten, weil die Qualität des Spinnrad-Garnes nicht an die des handgesponnenen Garns heranreichte. Ein anderer Aspekt war, dass die Spinnräder die ohnehin schon schwierige Lage der Spinnerinnen noch verschlechtert hätten. Schließlich konnte sich nicht jeder so ein Spinnrad leisten - eine Handspindel dagegen war viel billiger.



»...
Die Herrin stickt an der Borte für ihr Festtagskleid mit Fäden aus reinem Gold...«

Kommentar:
Naja, reines Gold ist das natürlich nicht. Das war es früher auch nur bei den Allerreichsten. Die etwas erschwinglichere Variante war das sogennante Goldlahn. Das ist ein feiner, meist gelber Seidenfaden, die sogenannte "Seele", um die dann hauchdünne Streifen aus Blattgold gewickelt wurden. Das Ganze war allein durch den Wert des Blattgoldes und den nicht unerheblichen Arbeitsaufwand bei der Herstellung immer noch sehr kostspielig.
Bei dem Gold, was ich hier verwende, handelt es sich um sogenanntes "Japangold". Dafür wird Blattgold auf Reispapier aufgetragen, dieses wird in dünne Streifen geschnitten, die dann wiederum um einen gelben Faden aus Kunstseide gewickelt werden. Es kommt dem damaligen Goldlahn vom Prinzip her sehr nahe und es ist eben tatsächlich echtes Gold und nicht goldfarbener Lurex-Faden. Es ist bisher das Beste, was ich als Goldlahn-Ersatz bekommen habe...



Thema Holzschuhe:
Die Holzschuhe von unserem Knecht sind zwar nicht explizit erwähnt worden, aber sie waren (leider) deutlich genug zu sehen... Der Fehler lag eindeutig bei uns. Hier deshalb eine Erklärung zu dem Thema:
Also, es gibt zwar mindestens einen Holzschuh-Fund aus Amsterdam (2. Hälfte 13. Jh.) aber Amsterdam ist natürlich nicht Deutschland, vor allem nicht Süddeutschland. Für Mittel- und Süddeutschland gibt es keine Belege für Holzschuhe dieser Art.
Genaugenommen gibt es aber auch für Trippen keine Belege für Mittel- und Süddeutschland. Immerhin gibt es Funde aus den Niederlanden, Frankreich und England, was zumindest auf ein größeres Verbreitungsgebiet hinweist.
Warum werden bei der Darstellung nun überhaupt Trippen oder Holzschuhe getragen? Teilweise aus dem gleichen Grund wie früher: um die Schuhe vor Nässe und Schmutz von unten zu schützen. Trippen sind dabei mehr dem städtischen Umfeld zuzuordnen, sie sind zum Arbeiten meiner Meinung nach auch nicht übermäßig gut geeignet.
Unser Knecht und unsere Magd haben daher keine Trippen. Jetzt kommen wir zum eigentlichen Grund, Überschuhe zu tragen: moderner Bodenbelag. Der Boden des Burghofes in der Bachritterburg ist dummerweise mit einem höchst unmittelalterlichen, feinen, Ledersohlen-killenden Splitt bedeckt, weshalb man dazu neigt, ihn lieber mit Trippen oder eben Holzschuhen (als Notlösung, die praktikabler ist als Trippen) zu betreten.
Bei der Auskleide-Szene des Knechtes war ich leider nicht anwesend, deshalb ist mir das mit den Holzschuhen nicht aufgefallen. Und als es mit dann später siedend heiß einfiel, war die Redakteurin nicht gewillt, die Szene noch einmal mit korrekten Lederschuhen zu wiederholen.



Thema Knochennadel:
Was zu diesem Thema gesagt wurde, ist an und für sich korrekt, jedoch hat es bei einigen aufmerksamen Beobachtern zu etwas Konfusion geführt, weil die Burgherrin zum Sticken keine Knochennadel, sondern eine Metallnadel verwendete.
Also, Knochennadeln wurden nicht ausschließlich verwendet. Sie waren die preiswerte Alternative zu Messing-/Bronzenadeln. Für feine Stickereien sind letztere jedoch sehr viel besser geeignet. Funde aus London zeigen übrigens, dass auch schon Eisennadeln benutzt wurden. In Sachen Feinheit stehen hochmittelalterliche Nadeln unseren heutigen in nichts nach.


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