Das Thema Kettenpanzer und die neue Kettenhemd-Bauanleitung entsprechen inhaltlich (bis auf den Sermon ;-) ) dieser Bauanleitung, sind aber übersichtlicher.
Vorwort
Ich habe in den letzten Monaten sehr viel Feedback zur bisherigen Kettenhemd-Bauanleitung
erhalten. Fast alle Briefe schenkten mir großes Lob. Dafür möchte
ich mich an dieser Stelle bedanken. Noch mehr bedanken möchte ich
mich für die vielen Fragen und die konstruktive Kritik. Denn diese
Briefe haben es mir erst ermöglicht, Schwachstellen in der bisherigen
Anleitung aufzudecken und mißverständliche Textpassagen zu ersetzen.
1. Warnung
Wenn Draht geschnitten wird, kann ein abgeschnittenes Stück
mit beträchtlicher Geschwindigkeit in eine unbestimmte Richtung fliegen.
Mir wurde von einem Fall berichtet, bei dem ein zum "Wurmen" (s.u.) abgekniffener
Draht im Auge gelandet ist, was einen Operation und einen 1-wöchigen
Krankenhausaufenthalt nach sich zog. Daher beim "Scheiden" (s.u.) und bei
der Arbeit mit unhandlichen Drahtmassen Schutzbrille tragen!
2. Warnung
Kettenhemden sind auch kein sicherer Schutz gegen Stichwaffen
oder gar Schusswaffen!
Anmerkung
Die hier beschriebene Art ein Kettenhemd zu flechten ist nicht nachweisbar authentisch. Es gibt viele Abbildungen von Kettenhemden, wobei man aber, wie immer, wenn es um mittelalterliche Kleidung geht, aufgrund der künstlerischen Freiheit annehmen muß, daß nicht immer
die Kettenmuster so gezeichnet oder gemalt waren, wie es beim wirklichen
Kettenhemd zu sehen war. Nennen wir es doch einfach den "Yps"-Effekt ;-)- nach dem gleichnamigen, ewig flach karierten Khängeruh
Kettenpanzer im geschichtlichen Kontext
Kettenpanzer gab es schon lange vor dem Mittelalter in den unterschiedlichsten
Kulturen. Im nahen Osten wurde schon Kettenpanzer getragen, als Mitteleuropa
noch ein Urwald war. Die Römer hatten bereits Kettenpanzer mit vernieteten
Ringen, bevor sie an die Eroberung Galliens dachten (The Roman Army from
Caesar - Michael Simpskin). Auch die Wickinger hatten Kettenhemden. (Geo
10/97) Vom Preis her war es im frühmittelalterlichen Europa ein Statussymbol,
das - auf die heutige Zeit übertragen - einem Wagen der besonders
noblen Oberklasse entspricht. Es kostete um die 800 g Silber - ein Pferd
kostete 300 g, ein Schwert gar nur 126g Silber. Laut Encyclopaedia Britannica
ist der Ursprung des Kettenpanzers in Asien zu finden.
Aufgrund des aufwendigen Herstellungsverfahrens waren Kettenhemden
vor dem Hochmittelalter eine Seltenheit. Um das zu erklären werfen
wir einen kurzen Blick auf die Metallbearbeitungsverfahren jener Zeit.
Eisen wurde in mannsgroßen Öfen gewonnen. Erz und Kohle
wurden eingefüllt, und angezündet. Trotz der Luftzufuhr war die
erzeugte Hitze unzureichend, um das Eisen zu schmelzen. Das Gestein im
Erz (Schlacke) schmolz, und umgab winzige Eisenpartikel. Diese waren durch
die Schlacke vor dem Luftsauerstoff geschützt, so daß sie nicht
verbrannten. Auch vor dem Kohlenstoff schützte die Schlacke das Eisen,
denn Kohlenstoff macht Eisen zwar härtbar, aber zuviel davon macht
es spröde. Durch die Schwerkraft sanken Eisen und Schlacke zum Boden
des Ofens. Dort verklumpten die Eisenpartikel zu einem großen Stück,
Luppe genannt. Diese wurde nach Beendigung des Vorgangs herausgenommen
und es wurde die umgebende und eingeschlossene Schlacke mit Hammerschlägen
ausgetrieben. Aus dieser Luppe mußte nun Draht geschmiedet werden.
Dazu wurde das Stück auf einem Amboß angeflacht, um 90 Grad
gedreht, und wieder angeflacht. Dieser Vorgang wurde oft wiederholt, so
daß das Stück immer länger und dünner wurde. Wer schon
mal ein Stück Eisen auf einem Amboß bearbeitet hat, kann sich
gut vorstellen, daß hinter jedem Zentimeter Eisendraht, der so gewonnen
wurde ein ganzes Stück Arbeit steckt.
Im Hochmittelalter wurde das Drahtziehen erfunden. Dabei wird ein lang
und dünn ausgeschmiedetes Stück Eisen durch ein Loch in einem
Stahlblock gezogen, wodurch das Stück etwas dünner und länger
wurde. Dieser Vorgang wurde mit immer kleineren Löchern wiederholt,
bis eine Dicke erreicht wurde, die für Kettenhemden geeignet ist.
Diese Arbeitstechnik erleichterte die Herstellung von Kettenpanzer in einem
Maße, daß sich das Kettenhemd als Rüstung für die
meisten Soldaten durchsetzte. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis der
Kettenpanzer allmählich durch Plattenpanzer aus Blech ersetzt wurde.
Kettenpanzer in der Mittelalterszene
Der Mensch der heutigen Zeit haben ein anderes Zeitempfinden, als der Mensch
des Mittelalters. Unsere heutige Zeit ist schnellebig. Der Mensch von heute
denkt effizient. Die Minimal- und Maximal-Prinzipien bestimmen unser Leben
- man versucht mit minimalem Aufwand ein Maximum zu erreichen. Der Mensch
des Mittelalter war da etwas genügsamer. Von seinem Selbstverständnis
her lebte er in der Zeit zwischen dem Sündenfall und dem jüngsten
Gericht. Sein Leben war eine Bürde Gottes, die er zu ertragen hatte.
Sein Leben war im Allgemeinen nicht so zielstrebig orientiert, wie es das
Leben des Menschen des industriellen Zeitalters ist. Zeit wurde in anderen
Dimensionen gemessen. Wenn wir Gegenstände aus dieser Zeit betrachten,
so fällt uns auf, daß sie alle sehr aufwendig gestaltet sind.
Keine Kirchenbank, die nicht mit aufwendigen Schnitzereien versehen ist,
kein Schwertknauf, der nicht aufwendig verziert ist. Heute bestimmt Schlichtheit
das Design unserer Umwelt. Sie ist zum Grundprinzip geworden. Verzierungen
wirken heutzutage sogar eher kitschig.
Wenn ein Handwerker ein Kettenhemd herstellte, so war das seine Haupttätigkeit.
Er fing morgens damit an, und hörte abends auf. Es war sein Beruf,
und dafür genoß er den Schutz der Gemeinschaft, in der er lebte.
Obwohl Der Draht nicht mehr von Hand geschmiedet werden mußte, war
er dennoch ein teures Gut. Wer einmal versucht hat, selbst Draht von Hand
zu ziehen, weiß wie aufwendig das ist. Es ist zu bedenken, daß
man für ein Kettenhemd mit 20.000 Ringen mehr als einen Kilometer
Draht braucht. Der Draht mußte von Hand gewickelt und geschnitten
werden. Nicht selten wurden die Ringe vernietet. Das heißt, daß
jeder Ring, nachdem er eingeflochten wurde, mit einer oder zwei kleinen
Nieten geschlossen wurde. Dazu gehörten wieder viele Arbeitsschritte.
Ein Kettenhemd konnte sich also nur jemand leisten, der wohlhabend war.
Der Mittelalter-Hobbyist von heute kauft sich entweder ein Kettenhemd
für etwa ein halbes bis ein ganzes Monatsgehalt oder er fertigt es
sich selbst in seiner Freizeit. Er versucht diese Arbeit möglichst
schnell hinter sich zu bringen, um Zeit für andere wichtige Tätigkeiten
oder Freizeitbeschäftigungen zu haben. Die Ringe kauft er sich für
lächerlich wenig Geld oder fertigt sie mit Bohrmaschine und Kneifzange.
Gekaufte Ringe sind oft aus hochglanzpoliertem Edelstahl, Aluminium oder
ähnlich frevelhaften Werkstoffen. So etwas hat natürlich aus
seine Daseinsberechtigung - in der Phantasy-Szene.
Ein genietetes Kettenhemd in der Mittelalterszene ist utopisch. Kaum
ein Mensch kann heute noch so viel Zeit aufbringen, wie für die Fertigung
nötig ist. Und die finanziellen Mittel, die nötig wären,
so etwas als Auftragsarbeit machen zu lassen liegen jenseits von Gut und
Böse. Ich schätze den Aufwand auf etwa ein Mannjahr ein.Das ist
aber nicht schlimm, denn auch im Mittelalter gab es sehr wenige genietete
Kettenhemden. Nur die reichsten der Reichen konnten sich so etwas leisten.
Normale Kettenhemden sich aber an sich leicht zu beschaffen.
Die Folge ist, daß es in der Mittelalter-Szene mehr Kettenhemden
gibt, als das im wirklichen Mittelater der Fall war.
Kettenpanzer im heutigen Alltag
haben wohl kaum eine Bedeutung. Die im Fleischerhandwerk verwendeten Handschuhe
sind mit Kettenpanzer aus dünnem Draht versehen, um vor unbeabsichtigten
Verletzungen durch die rasiermesserscharfen Fleischermesser zu schützen.
Ich habe schon von einem Türsteher gehört, der zum Schutz vor
Messerstechereien ein Kettenhemd trägt und in der S/M-Szene gibt es
wohl auch diverse Applikationen, die aus Kettenpanzer gefertigt sind.
Aufgrund der Tatsache, daß heute Materialien existieren, die
in fast allen Eigenschaften für fast alle Bedürfnisse geeigneter
sind, als Kettenpanzer, findet Kettenpanzer nur noch aus optischen Gründen
Verwendung. So wären Fleischer, wenn sich Kette nicht besser reinigen
ließe, und Türsteher mit Kevlar, aus dem auch kugelsichere Westen
gefertigt werden, besser bedient.
Genug Geschwätz
Jetzt geht es an das Eingemachte
Bevor wir uns dem Schnittmuster zuwenden, sollten wir uns mit ein paar
grundlegenden Dingen Vertraut machen. Wir beschäftigen uns erstmal
mit Fragen wie: Welche Werkzeuge brauche ich? Woher nehme ich die Ringe?
Wie wird überhaupt geflochten? Gibt es verschiedene Methoden? Die
Antworten auf diese Fragen werden in den folgenden Kapiteln mehr oder weniger
ausführlich behandelt.
Beim Lesen des folgenden Textes werden sie Schritt für Schritt
mit neuen Fachbegriffen aus dem Bereich Kettenhemdbau vertraut gemacht.
Diese Terminologie ist Frei erfunden. Bis vor wenigen Jahren gab es die
neuen Begriffe gar nicht. Ein Freund und ich haben sie uns zuerst zum Spass
ausgedacht. Es stellte sich jedoch sehr bald heraus, daß die Begriffe
einleuchtend und leicht erlernbar sind, so daß ich sie in meine erste
Kettenhemd-Bauanleitung übernommen hatte. Von dort verbreiteten sie
sich blitzschnell. Schon bald fand ich die Wort-Neuschöpfungen auf
den verschiedensten Web-Seiten, die sich mit der Thematik beschäftigen.
Auch auf Mittelalter-Märkten habe ich mitbekommen, daß sie im
Gespräch von mir unbekannten Leuten verwendet wurden. Leider haben
sich nicht alle die erste Bauanleitung so gründlich verinnerlicht,
daß sie auch die Passage, in der ich erwähne, daß es sich
bei den Begriffen um Wort-Neuschöpfungen handelt, gelesen haben. Ich
möchte also nochmal darauf hinweisen:
Die meisten der hier verwendeten Fachbegriffe sind erfundene Wörter
aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert, und wurden demnach nicht im Mittelalter
verwendet.Sie können dennoch in mündlicher und schriftlicher
Form benutzt werden, da sie sehr verbreitet sind. Wer sie nicht versteht,
dem sollten sie erklärt werden.
Die nun folgenden Kapitel beschaffen sich mit der Beschaffung von Ringen,
denn diese zu besitzten ist eine der Grundvoraussetzungen, wenn man ein
Kettenhemd flechten will.
Ringe kaufen
Ringe kann man kaufen. Es werden Ringe speziell für diesen Zweck gefertigt.
Verglichen mit dem Aufwand, den man betreibt, um ein Kettenhemd zu flechten,
sind die Preise akzeptabel. Es gibt verschiedene Arten, Größen
und Quellen. Ringe gibt es mit folgenden Eigenschaften (bedingt kombinierbar):
Material:
Eisen, Stahl, Stahl rostfrei, Aluminium
Form des Drahtes:
runder Querschnitt, quadratischer Querschnitt
Oberfläche:
blank, verzinkt, hochglanz, brüniert, lackiert
Statt der Ringe, die für die Kettenhemd-Fertigung hergestellt werden,
kann man, falls man sich die Mühe machen will, andere Alternativen
in Erwägung ziehen. So habe ich von jemandem gehört, der ein
Kettenhemd aus Schlüsselringen gemacht hat. Dadurch erreicht man zwar
eine ungeheure Stabilität, denn es gibt keine Stoßstelle, an
der der Ring aufgehen kann, wenn er verbogen wird, jedoch ist der Aufwand
groß, und besonders mittelalterlich sieht ein solches Hemd auch nicht
aus. Auch Sprengringe mußten meines Wissens nach schon herhalten.
(Das sind die schwer verformbaren Ringe aus Federstahl, die bei machen
Schrauben dafür sorgen, daß sie sich nicht durch Erschütterung
lösen können.)
Von Menschen und Würmern
Keine Kaninchen in diesem Kapitel
Es gibt verschiedene Gründe, die Ringe selbst zu fertigen, anstatt
sie zu kaufen.
1. Der Preis: Anfangs habe ich den Draht im Baumarkt gekauft. Dort gab
es kleine Rollen 1,8 mm Draht mit je 25 m. Das war ein halbes Kg und kostete
etwa 14 DM. Ein Kettenhemd mit 15 Kg Gesamtgewicht hätte also einen
Materialpreis von 420 DM gehabt. Das ist ziemlich teuer. Ich habe dann
im Großhandel eine 70 Kg-Rolle für 2 DM/Kg gekauft. Das ergibt
für das 15 Kg-Kettenhemd einen Matrialpreis von 30 DM. Dieser Preis
ist durch gekaufte Ringe nicht zu schlagen.
2. Verfügbarkeit: Nicht jeder ist in der glücklichen Lage, ein
Geschäft mit Mittelalter-Zubehör in seiner unmittelbaren Umgebung
zu haben. Wer seine Ringe selbst fertigt, ist unabhängiger. Außerdem
können Sie sich schnell ein paar Ringe selbst fertigen, wenn Ihnen
die Ringe ausgegangen sind. Würden Sie sie kaufen, müßten
Sie warten, bis das entsprechende Geschäft wieder offen ist.
3. Selbstbestimmung: Wenn Sie sich die Ringe selbst machen, können
sie selbst bestimmen, welches Material, welche Drahtstärke und welchen
Ringdurchmesser Sie verwenden.
Doch nun zum eigentlichen Herstellen der Ringe. Das Prinzip ist einfach.
Draht wird aufgewickelt, und die Ringe werden abgeschnitten.
Das Aufwickeln von Eisendraht auf eine Stange bezeichnet man als "Wurmen".
Hierbei entstehen mehr oder weniger lange Eisenfedern, die als Würmer
bezeichnet werden.
Es gibt 2 Verfahrensweisen:
1. Man kann die Würmer manuell herstellen. Hierzu eignet sich
ein Holzstab (Wurmholz). Dieses ist etwa 15-20 cm lang und wird mit einem
Ende so in einen Schraubstock eingespannt, daß es waagerecht liegt.
Dabei sollten nur 1-2 cm vom Wurmholz eingespannt sein. Der Schraubstock
sollte so stehen, daß das Wurmholz von der Tischkante weg zeigt,
und so genügend Aktionsspielraum gegeben ist. Ein etwa 2 m langes
Stück Draht wird abgeschnitten, und am Ende „U“-förmig abgebogen.
Dieses U wird in das dem Schraubstock zugewandten Ende des Wurmholzes eingehakt.
Ein Stück vom Draht wird wie eine große Kurbel gebogen, so daß
man bequem wickeln kann. Beim Wickeln wird der Draht wie eine Peitsche
um sich schlagen. Deshalb sollten keine empfindlichen Gegenstände
in der Nähe stehen. Wenn der Draht soweit aufgewickelt ist, daß
der „Griff“ der „Kurbel“ erreicht ist, wir der Draht gerade gebogen und
eine neue Kurbel wird gebogen. Das ganze wird 3-4 mal wiederholt, bis das
Ende des Drahtes erreicht ist. Dann kann Wurmholz aus dem Schraubstock
genommen werden, der „U“-förmige Haken wird aufgebogen, und der Wurm
kann vom Wurmholz abgezogen werden. Sie können auch direkt den Wurm
vom Wurmholz abziehen. Bei manuellen Wurmen kann man Lederhandschuhe tragen,
um die Folgen des ständigen Reibens des Drahtes an den Fingern erträglich
zu halten.
2. Viel Arbeit spart man sich, wenn man maschinell wurmt. Hierfür
braucht man eine Bohrmaschine und eine glatte, etwa 40 cm lange Eisenstange
mit kreisförmigem Querschnitt. Diese heißt Wurmzylinder. Zuerst
muß der Wurmzylinder vorbereitet werden. Dazu wird er in die Bohrmaschine
eingespannt, und die Stelle wird markiert, die an der Bormaschine liegt.
Der Wurmzylinder wird aus der Bohrmaschine herausgenommen, und es wird
ein Loch quer durch die markierte Stelle gebohrt. Der Durchmesser des Loches
sollte ein wenig größer sein, als der Durchmesser des zu verarbeitenden
Drahtes. Ist der Draht z.B. 1,8 mm dick, ist ein Bohrer von 2 mm ein gute
Wahl. Der Draht sollte gut vorbereitet sein. Das heißt: entweder
muß die Drahtrolle drehend gelagert sein, oder ein Assistent sollte
die Drahtrolle so halten, daß beim Wurmen ständig genügend
Draht nachgereicht wird. Es reicht nicht aus, die Drahtrolle so hinzustellen
oder aufzuhängen, daß der Draht seitlich von der Rolle abgleitet.
Dadurch würde ein große Spirale entstehen, die sich schnell
verdichten würde, denn der Draht ist torsionsmäßig sehr
stabil. Einzelne Schleifen würden sich aufkrangeln, zuziehen und zu
Ecken werden, die beim Wurmen extrem stören. Der Wurmzylinder wird
nun in die Bohrmaschine gespannt, und das Ende vom Draht wird U-Förmig
angebogen und in das kleine Loch im Wurmzylinder gesteckt. Dabei ist darauf
zu achten, daß das Stück nicht bis zum Anschlag eingeführt
wird, so daß noch ein wenig Luft zwischen Wurmzylinder und der Biegung
liegt. Das erleichtert das Lösen des fertigen Wurms, denn die abstehende
Drahtschlaufe bildet einen guten Angriffspunkt für eine Zange, mit
der das Drahtende aus dem Loch gezogen werden kann. Zum eigentlichen wurmen
ist es sinnvoll, sich eine robuste txtile Unterlage, wie z.B. einen alten
Teppich zu besogen. Weiterhin sollte man feste Schuhe anziehen. Die Sohlen
sollten reibungsverträglich sein. Denkbar sind da z.B. Schuhe, mit
Stoff überzogen. Ich mache das immer ohne Schuhe mit Strümpfen,
aber ich bin ja auch wahnsinnig. Um den Draht zu führen, sollte man
auf Handschuhe verzichten, und stattdessen einen festen Lederlappen in
der drahtführenden Hand halten. Der Handschuh könnte sich im
Draht verfangen und von der Bohrmaschine eingewickelt werden - was ziemlich
schwerzhaft enden kann, wenn in diesem Handschuh noch Hände sind.
Mir ist das fast passiert statt Fingerquetschungen habe ich mir eine leichte
Muskelzerrung im Oberarm eingefangen (vom wegziehen). Mittlerweile halte
ich den Draht in einem Lederlappen, der beim Schuhe nähen übriggeblieben
ist, und das ganze in einer Entfernung von c.a. 40 cm zum Wurmzylinder.
Die Bohrmaschine wird auf die Textile Unterlage gelegt. Nun wird die Achse
von Hand einmal gedreht, um den Draht in Ausgangsposition zu bringen. Man
hält dann die Bohrmaschine, die waagerecht auf dem Boden liegt, mit
der linken Hand, und legt den Rechten Fuß auf den noch leeren Wurmzylinder.
Mit der Rechten Hand, durch einen Lederlappen geschützt, hält
man den Draht. Die Bohrmaschine sollte anfangs auf eine niedrige Drehzahl
eingestellt sein. Drücken sie den Knopf der Bohrmaschine und achten
dabei auch auf den rechten Fuß. Der Draht wickelt sich nun auf dem
Wurmzylinder auf. Halten sie den Draht so, daß zwischen den Wicklungen
kein Zwischenraum entsteht. Hin und wieder kann es vorkommen, daß
der Draht „spinnt“. Dann wickelt er sich in die andere Richtung über
bereits gewickelten Draht auf. In diesem Fall führen Sie den Draht
weiter nach rechts, bis er wieder normal gewickelt wird. Dieses Verhalten
läßt sich verhindern, wenn der Draht straffer gehalten wird.
Die Reibungshitze hält der Lederlappen gut ab. Sind sie am Ende angekommen,
können sie den Draht abkneifen, und den Wurm abziehen. Doch Vorsicht!
Je nach Elastizität steht der Wurm unter mehr oder weniger hoher Spannung
und dreht sich mit großer Geschwindigkeit erst ein paar mal um sich
selbst. Sind in diesem Moment die Finger in der Nähe, kann es heftige
Verletzungen geben. Beim Wurmen mit Federstahl war dieser Effekt so stark,
daß das Drahtende an meiner Zange Funken schlug. Der gleiche (nicht
der selbe - sch... Rechtschreibreformer) Draht hat mir einmal kräftig
in die Finger gehauen. Ist der Wurm abgezogen, kann die Prozedur wiederholt
werden, bis Sie genügend Würmer haben. Sie können die Maximale
Wurmgeschwindigkeit experimentell ermitteln, wenn sie nach jedem mal die
Drehzahl der Bohrmaschine erhöhen. Etwa 5000 rmp können Sie erreichen,
wenn Ihnen jemand den Draht abrollt..
Wir müssen scheiden
Knack Knack - Tuut Das aufschneiden der Würmer nennt man "Scheiden". Hierzu braucht
man eine lange Kneifzange (wird auch "Kondor" genannt. - Alle Zangen sind
nach Vögeln benannt.) Sollen verschiedene Eisensorten geschnitten
werden, so sollte für jede Sorte eine eigene Seite des Kondors benutz
werden. Einige Kondore lassen sich in einen Schraubstock dergestalt einspannen,
das der untere Arm fest ist, und der obere Arm nach unten gedrückt
werden. kann. So läßt es sich bequemer scheiden. Scheiden ist
Erfahrungssache. Trotzdem ein paar Tips: Der Wurm sollte so angesetzt werden,
daß der Kondor an der Unterseite greift. Außerdem sollte der
Wurm leicht schräg nach oben zum Kondor zeigen. So wird verhindert,
daß die Oberseite an den Kondor stößt, bevor die Unterseite
die Richtige Position hat. Durch den Anstellwinkel können Sie bestimmen,
wie tief der Kondor in den Wurm greift. Am besten probieren Sie ein wenig
herum, bis Sie ein Gefühl für das Scheiden haben. Noch ein Tip
zur Sitzposition: Ich setze mich zum Scheiden immer auf den Boden, den
Rücken gegen ein Sofa gelehnt. Der Schraubstock mit eingespanntem
Kondor liegt zwischen meinen Beinen, mit der linken Hand auf dem Schraubstock
liegend halte ich den Wurm zwischen Daumen und Zeigefinger, durch die anderen
Finger gestützt, mit der rechten Hand drücke ich den Hebel vom
Kondor. Dabei setze ich mein Körpergewicht mit ein, um die Ermüdung
des rechten Armes zu verringern. Mit etwas Übung werden sie auf c.a.
140 rpm (rings per minute) kommen.
Alle Vögel sind schon da
Warum der Kondor lauter als der Specht ist
Das Flechten erfolgt mit Hilfe von Zwei Zangen. Eine stumpfe, kräftige,
die "Ente" oder wenn sie beim Heimwerken eingesetzt werden auch "Kombizange"
genannt wird, und ein schmale Spitzzange, die "Specht" oder in Heimwerkerkreisen
auch "Spitzzange" genannt wird. Die Ente wird in der linken Hand gehalten,
der Specht in der Rechten. Während man den Specht mit den restlichen
Fingern in die Handinnenfläche klemmt, greift man mit Daumen und Zeigefinder
der rechten Hand einen Ring, und legt ihn mit der aufgeschnittenen Seite
zum Körper gewandt in die Ente der linken Hand. Die rechte Seite des
Rings greift man nun mit dem Specht, und biegt damit den Ring etwa 1/4
Drehung auf. Die Ente wird nun gelockert, und der Ring wird in den Specht
übernommen, um sofort eingefädelt zu werden. Das eingefädelte
Ende nimmt man nun wieder mit der Ente, um den Ring zuzubiegen. Dieser
Vorgang dauert mit etwas Übung 6 Sekunden. So daß man in der
Minute 10 Ringe schaffen kann. Das sind 600 Ringe in der Stunde, also bei
1,8 mm Draht fast ein halbes Kg. Dieser Wert ist aber aufgrund von kurzen
Gelenk- und Denk- Bier- Zigaretten- und Pinkel- und Anprobierpausen nicht
allzu realistisch. Theoretisch könnte man jedenfalls ein Kettenhemd
mit 30.000 Ringen in 50 Stunden (10 Tage Freizeit) erstellen, wenn sich
ein Freund um das Wurmen und Scheiden kümmert, und auftretende Frustrationsanfälle
ignoriert werden. Außerdem müßten hierfür die Finger
gut trainiert sein, wenn man eine Sehnenscheidenentzündung vermeiden
will. Ich empfinde es außerdem als Angenehm, langwierige einfache
Flechtarbeiten mit 2 Enten zu machen. Mit etwas Übung braucht man
den Specht eigentlich nicht mehr. Weil ich keinen Specht zur Hand hatte,
und mich das nicht sonderlich störte, und das Kettenhemd nur klein
war, habe ich ein Kinderkettenhemd nur mit 2 Enten gemacht.
Über Sieben Brücken mußt Du gehn'
7 Ringe spielen im Orchester
Wie bei so vielen Dingen, ist auch beim Kettenhemdflechten der Anfang
etwas tricky. Als ich endlich eine Abbildung gefunden hatte, mit der etwas
anzufangen war, brauchte ich ein Weile, um den Anfang zu finden. Zuerst
hatte ich versucht, die Ringe wie in der Abbildung hinzulegen, und dann
mit anderen Ringen der Abbildung entsprechend zu verbinden. Nachteil: bei
jedem Hantieren mit der Zange gab es ein heilloses Durcheinander, und alle
Ringe mußten neu hingelegt werden.
Dann fiel mir auf, daß die Ringe wie Ketten nebeneinander hängen,
sich jedes Kettenglied jedoch noch zusätzlich einen Nachbarn krallt.
Also erst einmal eine Kette von 5 Ringen.
Abb. 1 Quintett - eine Kette aus 5 Gliedern
An dieser Kette habe ich dann die 2 Ringe der nächsten Kette befestigt,
die mit dieser Kette verbunden sind. Diese waren Paralell zum 2 und 4.
Ring. Das Ergebnis: ein Kette, 5 Glieder lang, aber bestehend aus 7 Gliedern.
Das ganze haben wir dann Septett genannt. Es ist eine Kette von 5 Gliedern
Länge, deren zweites und 4 Glied aus zwei parallelen Ringen besteht.
Abb. 2 Septett @Zahlen in Grafik@
In die 2 zusätzlichen Ringe eines Sptetts hängt man 3 weitere,
um die 2. Kette zu vervollständigen. Es werden Ring 3 und 6 mit einem
8. Ring verbunden, und in Ring 3 und Ring 6 wird je ein einzelner Ring
eingefügt.Jetzt verdeutlicht sich das Prinzip. Wir haben jetzt 2 Ketten
mit je 5 Gliedern, die miteinander verbunden sind.
Abb. 3 erweitertes Septett (Decett) @Zahlen in Grafik@
So fährt man weiter fort: weiter zwei Ringe, der 2. Und 4. Ringe
der 3. Kette.
Abb. 4 Erweitertes Decett (irgendwann muß man mit der Namensvergabe
aufhören)
Bis eine Breite erreicht ist, mit der man arbeiten kann:
Abb. 5 Centinovoctett
4 in 1
eine Erläuterung und/aber erst mal eine Abbildung
Abb. 6 Prinzip von 4 in 1
Die Normale Lage der Ringe beruht darauf, daß ein Ring(A), der
in Längsrichtung angesetzt wird, in zwei nebeneinangerliegende Ringe
(B+C), bei beiden Ringen in die gleiche Richtung (B und C von unten nach
oben oder B und C von oben nach unten), eingehangen wird. Will man ein
besonders dichtes Geflecht erhalten, kann man einen Ring auch in 3 Ringe
einhängen. Standardmäßig wird durch "auflegen" aufgebaut.
Das heißt, daß die Reihen in die Richtung aufgebaut werden,
die am wenigsten Fädelarbeit bedeutet. Nach dem Ring (A) käme
also der Ring rechts davon. Angenommen der Ring (C) wäre gerade gesetzt
worden, dann würde als nächstes Ring (B) gesetzt. Es ist so,
als würde man eine Reihe umgekippter sich überlappender Dominosteine
hinlegen. Dabei würde man logischerweise die unteren zuerst legen.
Sämtliche Teile sind Schläuche, die beim Aufbau mit Trötnäten
(dazu später) modifiziert werden. Es wird immer mit einem sogenannten
Septett angefangen.
Italienisches Muster
Es gibt auch ein sog. "Italienisches Muster", das hier aber nicht zur Anwendung
kommt. Es sei der Vollständigkeit halber trotzdem schnell erklärt.
Es gibt flach liegende Ringe(A), die durch senkrecht(B) und waagerecht(C)
stehende Ringe zusammengehalten werden. Eine Variation mit sehr kleinen
B- und C-Ringen und A-Ringen mit bis zu mehreren cm Größe ist
auch anzutreffen. Das italienische Muster hat den Vorteil, daß es
keine "Richtung" besitzt, und wahrscheinlich schneller zu flechten ist.
Nachteilig dürfte sich die geringere Dichte auswirken, die andererseits
aber das Hemd leichter werden läßt. Im mittleren Europäischen
Raum jedoch scheint das italienische Muster bedeutungslos.
Abb. 7 Italienisches Muster
Benjamin Blümchen - Törööö!
Ein Elephant lernt zählen
Querschnittserweiterung / -verengung
Wird durch Anwendung des Standardmusters in Längsrichtung ein
Schlauch erstellt, so kann dieser erweitert werden, indem pro Reihe 1-6
Ringe eingefügt werden. Das geschieht, indem ein Ring (A) zwischen
zwei andere (D und E) in einen einzelnen Ring (C) eingehängt wird.
Dieser Ring heißt Trötring, da sich der Schlauch hierdurch wie
eine Trompete (Tröte) erweitert. Folgen mehrere Trötringe in
Längsrichtung hintereinander, so spricht man von einer Trötnaht.
Sie fügt sich harmonisch in das Grundmuster ein.
Werden in einer geschlossenen Reihe 6 Ringe mit gleichem Abstand eingefügt,
so bildet die Erweiterung eine aus 6 Segmenten bestehende Fläche.
Das geschieht z.B. bei der Konstruktion der Hals-Schulter-Partie.
Soll der Schlauch verengt werden, so wird ein Trötring erzeugt,
indem drei statt zwei Ringe beim Einsetzen eines Rings erfaßt werden.
Der Trötring ist dann der mittlere von den Dreien.
Abb. 5 Trötring
Abb. 5.b - 2 Reihen mit Trötringen hintereinander. Die einzelnen
Reihen sind farbig gekennzeichnet. Die Reihen Blau und Grün enthalten
jeweils einen Trötring in der Mitte.
Von Rom nach Kairo
Wenn der Nil durch das Kolloseum fließt
Als Abschluß für den Torso oder für Kettenhauben werden
oft spitze Dreiecke verwendet. Diese heißen aufgrund ihrer Pyramidenform
"Gizehecken". Sie sind besonders leicht zu bauen, und können auch
eingesetzt werden, um die Arbeit abwechslungsreicher zu gestalten. So kann
man z.B. Mehrere Gizehecken bauen, die dann mit sogenannten "Kontraecken"
aufgefüllt werden. So kann man eher einen Fortschritt erkennen, und
die Frustrationsanfälle treten nicht ganz so häufig auf.
Abb. 6 Gizehecke
Übrigens: Legt man die seiten zweier Gizehecken aneinander, und
verbindet diese, so entsteht eine Trötnaht.
Schnittmuster
Die Schere will ich sehen! Oder: genug rumgealbert, jetzt wird es kompliziert.
Kettenhemd mit Ringlage in Längsrichtung an Torso, Armen und Hals,
und mit geschlossenen Achseln.
Wichtigstes Mittel für die Realisierung des Schnittmusters ist die
Trötnaht. Der Schnitt besteht grob aus dem Torso, der Schulterpartie
mit anschließendem Hals und den Armen. Die Arme und der Torso müssen
sehr weit geschnitten sein, um die Bewegungsfreiheit zu gewährleisten.
Bitte beachte, daß sich der Armumfang besonders an den Unterarmen
während des Flechtens erweitern kann, denn Muskeln passen sich nunmal
den Gegebenheiten an.
Zuerst wird der Hals mit anschließender Schulterpartie geflochten,
dann die Arme. Dann werden die Arme an den Schultern befestigt, und der
Torso wird angebaut.
Schulter
Gebaut wird vom Hals aus. Der Hals ist ein kurzes Stück Schlauch,
etwa 5-10 Reihen lang. Er sollte so dimensioniert sein, daß er um
den Hals reicht, wenn die Ringe leicht ineinander geschoben sind. Auf Schulterhöhe
verbreitert sich dieser Schlauch dann durch 6 Trötnähte, bis
er die Breite der Schultern erreicht. So bildet sich eine Ebene wie in
der Abbildung gezeigt. Dieses erreichen wir, indem an den Hals ganz normal
angebaut wird, als wollten wir ihn verlängern, nur werden in jeder
Reihe 6 Trötringe eingefügt, und das immer an den selben Stellen.
Je 3 Trötnähte haben einen Ursprung, und die 3-er Gruppen sind
auf gegenüberliegenden Seiten.
Ein Beispiel: Wir haben ein Halsstück von 40 Ringen Umfang und
5 Reihen Höhe. Wir suchen nun in der untersten Reihe zwei gegenüberliegende
Ringe (etwa Ringe 5 und 25, und hängen dort je einen Trötring
ein. Beide Trötringe bekommen Nachbarn rechts und links. Das heißt,
wir hängen 4 weitere Trötringe ein, und zwar an die Positionen
4, 6, 24 und 26. Wir haben damit Den Grundstein für die 6 Trötnähte
gelegt, die nun vom Hals ausgehend die Schultern bilden. Der Zwischenraum
zwischen den Trötringen wird nun ausgefüllt, indem die Reihe
mit 40 weiteren Ringen komplettiert wird. Das heißt auch, daß
wir Ringe zwischen die Nachbar-Trötringe legen, also in diesem Fall
4/5; 5/6; 6/7; 24/25; 25/26; 26/27. Die 6. Reihe hat nun also 46 Ringe,
bestehend aus 40 normalen + 6 Trötringen. Die 7. Reihe fangen wir
irgendwo an, und arbeiten uns auf den ersten Trötring (der 6. Reihe)
zu, der mit eingefädelt wird, wie ein ganz normaler Ring. Dann setzen
wir den ersten Trötring der 7. Reihe, und zwar genau in den entsprechenden
Trötring der 6. Reihe. Wir setzen einen weiteren Ring, der in den
1. Trötring der 6. Reihe und den Ring, der zwischen dem 1. Und 2.
Trötring der 6 Reihe liegt. Dann ein weiterer Ring in den Ring, der
zwischen dem 1. Und 2. Trötring der 6 Reihe liegt und den 2, Trötring
der 6. Reihe. Dann der 2. Trötring der 7. Reihe usw... Wenn wir die
Ringe zählen, die zwischen den benachbarten Trötringen liegen,
bemerken wir, daß es in der 6. Reihe einer ist, und sich in der 2.
Reihe schon 2 Ringe zwischen den Trötringen befinden. In jeder Reihe
haben wir also pro Trötnaht einen Ring mehr. Das heißt, daß
wir in der 8. Reihe schon 52 haben, und in der 9. Reihe 58. Das Gebilde
was hierbei entsteht, ist ein Langezogenes Sechseck mit einem Loch in der
Mitte (der Hals). Betrachten wir dieses Sechseck, fällt auf, das es
in 6 Teilflächen (Lappen) unterteilt werden kann: 2 Trapeze und 4
Dreiecke. An die Dreiecke werden später die Arme angebaut.
Rechnen wir mal ein bischen: Wir betrachten nun 3 benachbarte Trötnähte,
die 2 Dreiecke bilden. Zählen wir die äußeren Ringe, und
zählen die abschließenden Trötringe mit, so zählen
wir in der 1. Reihe mit Trötringen (im Beispiel die Reihe 6) 5 Ringe,
bestehend aus 3 Trötringen und den zwei Ringen dazwischen. Also Trötring,
Ring, Trötring, Ring, Trötring. In der 2. Reihe mit Trötringen
zählen wir 7 Ringe, in der 3. Zählen wir 9 usw... Daraus ergibt
sich folgende einfache Formel:
Anzahl der Schulter-Ringe = 2*Anzahl der Reihen + 3
Angenommen, wir haben 14 Reihen dazugegeben, um die Breite der Schultern
zu erreichen, dann haben wir 2*14+3=31 Ringe am äußeren Rand
der Schulter.
Arme
Die Arme sind, wie nicht anders zu erwarten, Schläche die so lang
sind, wie der Arm zwischen Handgelenk und Schulter. Der Durchmesser sollte
so dimensioniert sein, daß der Ellenbogen, wenn er im Schlauch steckt,
noch angewinkelt werden kann. Ein gutes Maß dafür bekommt man,
wenn man den unbekleideten Arm anwinkelt, und ein Maßband straff
so um die angewinkelte Stelle legt, daß das Maßband nicht innerhalb
der entstehenden Hautfalte liegt, sondern darauf.
Kurz vor der Schulter werden die Arme mit je 2 Trötnähten
erweitert, so daß der Halbe Umfang des Arms am Rand zum Schulterteil
der Breite des äußeren Rands der Schultern entspricht. Eine
Trötnaht endet vorne an der Brust, die andere endet am Rücken.
Die Seiten am Ende einer Trötnaht stehen naturgemäß in
einem leichten Winkel zueinander, so daß das Ende der Trötnaht
eine flache Spitze bildet. Diese machen wir uns hier zugunsten der Bewegungsfreiheit
der Arme zu nutze, denn: die Spitze bildet eine Bewegungsreserve.
Etwas einfacher erklärt: Der Arm muß zur Schulter passen
und wird deshalb mit 2 Trötnähten erweitert.
Abb. 9 - Zwei Aufsichten auf einen fertig geflochtenen Arm.
Wenn wir den Arm mit dem Schulterteil verbinden, so tun wir das, indem
wir eine weitere Reihe mit Ringen einsetzen. Diese zählen wir zum
Arm, und sie enthält auch die letzen beiden Trötringe des Arms
diese Trötring sind auch die letzten beiden Trötringe der voderden
und hintern Schultertrötnähte. Die mittlere Trötnaht erhält
keinen Trötring. Die Hälfte der letzten Reihe des Arms vor dem
Verbinden (einschließlich der Arm-Trötringe) muß also
genau so viele Ringe haben wie der Äußere Rand der Schulter.
Wir bleiben weiterhin beim obigen Beispiel.
Schulter: 31 Ringe Arm: Eine Seite 31 Ringe (einschließlich Trötringe)
andere Seite 29 Ringe (ohne Trötringe) - also insgesamt 60 Ringe Umfang.
Diese Reihe muß, wenn sie der Schulterreihe gegenüberliegt,
in die gleiche Richtug zeigen, damit wir die beiden Stücke mit einer
einzelnen Reihe verbinden können.
60 ist eine gerade Zahl. Da mit jeder Trötreihe 2 Ringe dazu kommen,
muß auch der ursprüngliche Umfang des Arms in Ringen eine gerade
Zahl sein. Nehmen wir an, für den Umfang des Arms hätte sich
ein Idealwert von 35 Ringen ergeben. Wir zählen eins dazu um auf die
gerade Zahl 36 zu kommen. Um die Zahl der Trötreihen, die nötig
sind, den Arm entsprechend zu erweitern, auszurechnen, ziehen wir von der
Anzahl der Ringe an der breiten Stelle die Anzahl der Ringe am eigentlichen
Armumfang ab, und teilen das Ergebnis durch 2 (2 Trötringe/Reihe):
(60-36)/2 = 12
Wir müssen also 12 Trötreihen anfügen, um auf den erforderlichen
Umfang zu kommen. 12 ist ebenfalls eine gerade Zahl. Das ist wichtig, denn
wir müssen wissen, in welche Richtung die Ringe der letzten nicht-Trötreihe
Zeigen müssen, damit die letzte Trötreihe vor dem Verbinden in
die gleiche Richtung zeigt, wie die letzte Reihe der Schulter, wenn sich
die Reihen gegenüberliegen. Ich weiß daß ich mich hier
wiederhole, aber das hier ist wichtig! Eine gerade Zahl bedeutet, daß
die letzte nicht-Trötreihe (gegenüberliegend) in die gleiche
Richtung zeigen muß, wie die letzte Schulterreihe. Hätten wir
eine ungerade Anzahl von Trötreihen, wäre das Gegenteil der Fall.
Dazu ein Beispiel: Angenommen, unsere Arm-Umfangs-Messung hätte ergeben,
daß 37 Ringe der Richtige Umfan für den Arm ist, und die Schulter
wäre nach wie vor 31 Ringe breit, wir hätten also weiterhin 60
Ringe Armumfang an der Schulter. Aus der 37 würde eine 38, damit wir
eine gerade Zahl hätten. Die Anzahl der Reihen wäre also (60-38)/2
= 11. Das ist eine ungerade Zahl, woraus folgert, daß die letzte
nicht-Trötreihe, wenn sie der Schulter gegenüber gelegt wird,
in die entgegengesetzte Richtung zeigen muß.
Anbringen der Arme
Nun können die Arme angesetzt werden. Ist das geschehen, hat man beim
Anprobieren dieses Minimal-Kettenhemds ein erstes Höhegefühl.
Jetzt hat man eine Menge erreicht! Man fängt damit an, die oberen
Schulter-Trötnähte mit der Mitte zwischen der vordereren und
hinterern Armtrötnaht zu verbinden. Die anliegenden Kanten werden
dann verbunden. Hierbei arbeitet man am besten mit 2 Spechten, da jeder
Ring durch 4 andere Ringe gefädelt werden muß, und dann zum
Zusammenbiegen nicht viel Platz zum Greifen bleibt. Sind die Arme angebracht,
wird erst einmal viel Bier getrunken!
Der Torso
Betrachten wir das halbfertige Kettenhemd, so erkennen wird, das auf der
Unterseite, wo der Torso angebaut wird, alle Ringe in Längsrichtung
liegen. An insgesamt 4 Stellen enden Trötnähte.
Daß die Seiten herunterhängen ist ganz normal. Das gleicht sich nach unten hin aus, da die Ringe ja auch seitlich miteinander verbunden sind.
Daß die Weite etwas größer ist, als notwendig wäre,
kannst man verhindern, indem der Torso unter den Armen mit je einer Trötnaht (jede Reihe einen Ring wegnehmen) enger gemacht wird.
1. Die vordere Armtrötnaht des rechten Arms trifft auf die rechte
Brust - Trötnaht
1. Die hintere Armtrötnaht des rechten Arms trifft auf die rechte
Rücken - Trötnaht
1. Die vordere Armtrötnaht des linken Arms trifft auf die linke
Brust - Trötnaht
1. Die hintere Armtrötnaht des linken Arms trifft auf die linke
Rücken - Tröchtnaht
Die daraus resultierenden Löcher, Brennpunkte genannt zu füllen
ist etwas kompliziert, ich empfehle aus bitterer Erfahrung, hier etwas
größere Ringe zu nehmen, da an diesen Stellen später eine
punktuelle Belastung auftritt, die dadurch ansatzweise verteilt wird.
Es folgt eine Abbildung, die einen Brennpunkt zeigt. Die beiden Trötnähte
wurden rot markiert. Links ist die linke Brust-Tröhtnaht, rechts oben
die vordere Arm-trötnaht zu erkennen. (Rote Ringe) Die Ringe, mit
denen der Arm an den Schultern befestigt wurde, sind oben (blau) und die
erste Reihe unter den Achseln ist rechts (auch blau) zu erkennen. Der Brennring
ist violett hervorgehoben.
Abb. Brennpunkt
Es ist auch empfehlenswert, dafür ein stärkeres Material
zu verwenden. Der Torso wird nun Reihe für Reihe angebaut, bis er
den Oberschenkel erreicht. Nun kann er mit gleichmäßig verteilten
Gizehecken abgeschlossen werden.
Vorschlag:
Die letzten ein (A) oder zwei(B) Reihen können mit Bronzeringen
gemacht werden:
Ich habe ein Java-Script geschrieben, das die Möglichen Kobinationen
für Gizehecken (Anzahl der Ringe/Ecke, Anzahl der Ecken) berechnet.
Abschlußgizehecken des Torso:
Text kann nach der Berechnung mit <Strg>+<Einf> aus dem Ergebnisfeld
kopiert werden.
Der allerletzte Ring sollte aus Messing sein, und sollte eine Gravur
mit dem Namen des Herstellers haben. In der Zeit,
in der Kettenhemden Mode waren, war es auch üblich eine kleine Messingplatte mit Herkunftsangaben am Ende einzuflechen.
Kettenhauben
Wunden am Kopf bluten besonders stark.
Wer schon mal einen kräftigen Faustschlag oder einen Schwerthieb
abbekommen hat, wer schon mal beim Klettern einen Steinschlag erlebt hat,
wer als Kind beim Spielen auf den Kopf gefallen ist, oder wer Tourenski
mit Sicherheitsbindung und Fangriemen hat, weiß es: Der Kopf wird
durchblutet, wie kaum ein anderes Körperteil. Der Kopf spielt bei
der Optischen Erscheinung eines Menschen eine Zentrale Rolle, und Narben
Narben am Kopf sind dementsprechend auffällig. Es gibt Menschen, die
Narben am Kopf für besonders verwegen oder männlich halten. Das
ist Geschmackssache und im Normalfall unüblich. Die meisten jedenfalls
versuchen, Verletzungen am Kopf zu verhindern. Beim Freikampf ist es eine
der üblichen Regeln, daß nicht auf den Kopf gezielt werden darf.
Wer schon einmal mit dem Schwert gekäpft hat, weiß, das nicht
jeder Schlag präzise da landet, wo es beabsichtigt war. Das kann viele
Gründe haben. Zum Beispiel kommt es immer wieder vor, daß der
Gegner die Körperhaltung so ändert, daß plötzlich
da, wo eben noch eine Schulter war, der gegnerische Kopf ist. Keiner kann
garantieren, daß das Schwert rechtzeitig gebremst wird. Weiterhin
kommt es immer wieder vor, daß man das gegnerische Schwert falsch
pariert, und manchmal richtung Kopf ablenkt. Es ist z.B. recht wahrscheinlich,
daß man sein Schwert gerade schräg nach unten hält, wärend
der Gegner ein Schlag auf die Brust durchführt. Das Schwert wird nun
hochgerissen, um den Brustschlag zu parieren, mit dem Erfolg, daß
das gegnerische Schwert an der eigenen Schläfe landet. - Und schon
kann der schöne Waffenrock bei 60 grad gewaschen werden.
Es scheint also sinnvoll, den Kopf beim Kampf mit Hiebwaffen zu schützen.
Das kann man bewerkstelligen, indem man einen Helm trägt, oder eben
eine Kettenhaube.
Außerdem geht es den meisten, die Schwerkampf praktizieren, darum,
das in einem einigermaßen authentischen Ramen zu tun, eben in mittelalterlicher
Kampfmontur. Und da gehört eine Kettenhaube und/oder ein Helm dazu.
Kettenhauben wurden im hohen Mittelalter zum Schutz der Kopfpartie
eingesetzt. Üblicherweise wurde eine Kettenhaube mit einem Helm zusammen,
also unter dem Helm, getragen. Aus überlieferten Darstellungen wissen
wir, daß es verschiedene Bauarten gab. Kettenhauben konnten sich
wie eine Kapuze direkt an den Hals den Kettenhemds anschließen, oder
als einzelnes Stück getragen werden. Die Gesichtspartie war entweder
frei, oder das Sichtloch war kleiner, so daß der Mund oder sogar
Mund und Nase mit abgedeckt wurden.
Die Kettenhaube als einzelstück wurde über den Waffenrock
gelegt, wärend das Kettenhemd darunter getragen wurde.
Unter der Kettenhaube wurde oft ein Polster aus wattiertem und eventuell
gestepptem Wollstoff getragen@auchfürKettenhemden!@. Im frühen
und hohen Mittelalter trugen Männer meist, wenn auch nicht aus diesem
Grund, lange Haare @EigenerBerichtÜberMinneEtc..@, die als zusätzliche
Posterung dienen konnten.
In den folgenden Abbildungen sehen Sie verschiedene Darstellungen von
Personen, die zusätzlich zu ihrer Rüstung Kettenhauben tragen.
@Abbildungen mit Erläuterungen@
Die Rundung am Kopf
Bevor ich meine erste Kettenhaube flechtete, hette ich mehrmals die
Gelegenheit, mir fertige Kettenhauben anzusehen, um mir so ein Bild von
der Herstellungweise zu machen. Das Hauptproblem ist die Rundung am Kopf.
Hierzu habe ich verschiedene Lösungen gesehen. Einige Hauben haben
mehrere Segmente, die von der Mitte nach außen gehen, oder einen
großen Lappen, der von vorne nach hinten geht, und an den beiden
Seiten rechts und links je einen weiteren Lappen angebaut hat. Am meisten
war ich beeindruckt durch Hauben, die am Kopf keine Nähte zu haben
scheinen, also aus einem Stück gebaut sind. Auf diese Bauweise will
ich nun im Folgenden eingehen. Bei genauerer Betrachtung einer solchen
Haube findet man einzelne Trötringe gleichmäßig über
die Haube verteilt. Die Kettenhaube ist also ein Schlauch, der sich nach
oben hin so verjüngt, daß er halbkugelförmig abschließt.
Vor dem Gesicht ist ein Loch im Schlauch. Vom Hals an wird der Schlauch
zur Brust, den Rücken und den Schultern hin durch vier oder sechs
Trötnähte erweitert.
Herstellung einer Kettenhaube
Verglichen mit einem Kettenhemd bedeutet die Herstellung einer Kettenhaube
wenig Arbeit. Wie auch beim Kettenhemd fangen wir mit einem kurzen Stück
Schlauch an. Dieses ist - wie üblich - 5 Reihen lang. Umfang des kurzen
Schlauchstücks ist der Umfang des Kopfes auf Stirnhöhe. Der Schlauch
wird nun nach oben hin verlängert, und in jeder Reihe werden ein paar
Ringe weggenommen, indem Trötringe gesetzt werden. Diese Trötringe
werden jedoch „andersherum“ gesetzt. Das heißt, der Trötring
greift drei statt eines Rings. Das Ergebnis ist das gleiche - nur umgekehrt.
Der Schlauch soll sich nicht gleichmäßig verengen, sondern immer
stärker, so daß das Ergebnis halbkugelförmig und nicht
Trichterförmig ist. Die Anzahl der Trötringe pro Reihe steigt
also mehr oder weniger an. Mehr oder weniger, weil es vorkommt das eine
Reihe weniger Trötringe hat, als die voherige. Das liegt daran, daß
wir Rundungsfehler in der Berechnung, die weiter unten beschrieben wird,
haben. Ist es z.B. nötig, in einer Reihe 4,54 Trötinge zu setzen,
so setzen wir 5 Trötringe. Angenommen, in der nächsten Reihe
wären es 4,75, dann würden wir nur 4 Trötringe setzen, um
die 0,46 (5-4,54) Ringe zuviel auszugleichen. Um diesen Ausgleich müssen
wir uns gedanklich nicht kümmern. Wir rechnen einfach aus, wie viele
Ringe jede Reihe braucht, und berechnen die Trötringe entsprechend.
Dabei kommt dann hin und wieder das auf den ersten Blick merkwürdige
Ergebnis heraus, daß in einer Reihe weniger Trötringe gesetzt
werden, als in der vorherigen. Da das resultierende Muster möglichst
gleichmäßig sein soll, versuchen wir es, in zwei Reihen übereinandeliegende
Trötringe zu vermeiden, und die Trötringe gleichmäßig
zu verteilen. Sonst würden kurze Trötnähte entstehen, die
sich optisch negativ auswirken könnten. Gegen Ende werden typischerweise
6 Trötringe pro Reihe gesetzt. Sind nur noch etwa 6 Ringe übrig,
so werden die 6 Ringe mit 2 Ringen, die Zentrumsringe genannt werden, geschlossen,
indem der erste Zentrumsring in 3 benachbarte der 6 Ringe eingeflochten
wird, und der zweite Zentrumsring in die anderen 3 und den ersten Zentrumsring.
Abb. 1 Das Zentrum. Die beiden Zentrumsringe sind gelb markiert, die
6 Trötringe sind blau markiert, die 12 Ringe der vorletzen Reihe sind
grün markiert.
Damit wäre der halbkugelförmige Teil der Haube fertig. Wir
haben sozusagen eine Kettenkappe. Man kann übrigens auch mit dem Zentrum
anfangen, und sich zur Stirn hin vorarbeiten.
Wie auch beim Kettenhemd müssen wir uns Gedanken zu der Bemaßung
machen. Dazu messen wird erst einmal 2 Werte:
Den Umfang des Kopfes auf Stirnhöhe, im folgenden Umfang (u) genannt.
Den Abstand zwischen „Zentrum“ und unterer Stirnkante. Das Zentrum
ist die Mitte der Kopfdecke oder auch die höchste Stelle des Kopfes.
Es ist die Stelle, an der sich der Schlauch auf den Durchmesser Null verjüngt.
Diese Strecke nennen wir Stirnbogen. (s)
Bi folgender Betrachtng ist zu beachten, daß wir unterscheiden
zwischen Ringe/cm und Reihen/cm. Der Wert Ringe/cm besagt, wie viele Ringe
wir nebeneinander hängen, um eine Breite von 1 cm zu erreichen. Bei
Schläuchen bezieht sich dieser Wert auf den Umfang. Ein typischer
Wert ist 1,54 (1 / 0,65). Der Wert Reihen/cm besagt, wie viele Reihen von
Ringen wir brauchen, um ein Geflecht um 1 cm zu verlängern. Bei Schläuchen
bezieht sich dieser Wert auf die Länge. Ein typischer Wert ist 1,25
(1 / 0,8). Diese Werte ermittelt am besten jeder selbst. Das geschieht
folgendermaßen:
Wir nehmen ein Stück Kettengeflecht mit 10 Ringen Breite und 10
Reihen Höhe. Wir messen die Breite in cm unt teilen den Wert durch
10. Das Ergebnis ist die Breite eines Ringes. Der Kehrwert ist dann Ringe/cm.
Die Höhe in cm teilen wir ebenfalls durch 10. Das Ergebnis ist die
Höhe einer Reihe. Der Kehrwert ist dann Reihen/cm.
Die Anzahl der Reihen vom Zentrum bis zur unteren Stirnkante (r) ergibt
sich aus:
r = s * Reihen/cm
Die Anzahl der Ringe am Umfang ergibt sich aus:
n0 = u * Ringe/cm
r : Reihen von Strinkante bis Zentrum
s : Länge des Stirnbogens in cm.
n0 : Anzahl der Ringe auf Stirnhöhe
u : Umfang des Kopfes auf Stirnhöhe
Beispiel:
Von der unteren Stirnkante bis zum Zentrum messen wir 20 cm, eine Reihe
sei 8 mm hoch. Daraus ergibt sich:
Reihen/cm = 1 / 0,8 = 1,25
r = 20 * 1,25
r = 25 Reihen
Der Umfang ist 60 cm, ein Ring ist 6,5 mm breit. Daraus ergibt sich:
Ringe/cm = 1 / 0,65 = 1,54
Wir wollen nun für jede Reihe ausrechnen, wie viele Ringe sie
benötigt. Wir nummerieren die Reihen von 1 bis r. Die Anzahl der Ringe
in Reihe i nennen wir ni. Anhand der Darstellung erkennen wir, daß
der Stirnbogen einen Kreisbogen repräsentiert, und der Umfang dem
Cosinus des entsprechenden Bogenmaßes entspricht. Vergleicht man
die Anzahl der Ringe zweier benachbarter Reihen, ergibt sich aus der differenz
die Anzahl der Trötringe für diese Reihe. Daraus ergibt sich
also folgende Formel:
ni = u * cos ((i / r) * (? / 2)) * Ringe/cm
ti = ni-ni-1
Das Ergebnis wird gerundet.
i : Nummer der Reihe von der Stirn an zählend (beginnt bei 0)
ni : Anzahl der Ringe in Reihe i.
u: Umfang in cm.
r : Reihen von Strinkante bis Zentrum
? : 3,1415927....
ti : Anzahl der Trötringe in Reihe i
Beispiel: (knüpft an das obige Beispiel an)
Der Umfang ist 60 cm, ein Ring ergibt eine Breite von 0,65, die anderen
Werte entsprechen dem obigen Beispiel.
Ringe/cm = 1 / 0,65 = 1,54
n0 = 60 * cos ( 0 / 25 * 1,57) * 1.54 = 92 Trötringe: 0
n1 = 60 * cos ( 1 / 25 * 1,57) * 1.54 = 92 Trötringe: 0
n2 = 60 * cos ( 2 / 25 * 1,57) * 1.54 = 92 Trötringe: 0
n3 = 60 * cos ( 3 / 25 * 1,57) * 1.54 = 91 Trötringe: 1
n4 = 60 * cos ( 4 / 25 * 1,57) * 1.54 = 90 Trötringe: 1
n5 = 60 * cos ( 5 / 25 * 1,57) * 1.54 = 88 Trötringe: 2
n6 = 60 * cos ( 6 / 25 * 1,57) * 1.54 = 86 Trötringe: 2
n7 = 60 * cos ( 7 / 25 * 1,57) * 1.54 = 84 Trötringe: 2
n8 = 60 * cos ( 8 / 25 * 1,57) * 1.54 = 81 Trötringe: 3
n9 = 60 * cos ( 9 / 25 * 1,57) * 1.54 = 78 Trötringe: 3
n10 = 60 * cos ( 10 / 25 * 1,57) * 1.54 = 75 Trötringe: 3
n11 = 60 * cos ( 11 / 25 * 1,57) * 1.54 = 71 Trötringe: 4
n12 = 60 * cos ( 12 / 25 * 1,57) * 1.54 = 67 Trötringe: 4
n13 = 60 * cos ( 13 / 25 * 1,57) * 1.54 = 63 Trötringe: 4
n14 = 60 * cos ( 14 / 25 * 1,57) * 1.54 = 59 Trötringe: 4
n15 = 60 * cos ( 15 / 25 * 1,57) * 1.54 = 54 Trötringe: 5
n16 = 60 * cos ( 16 / 25 * 1,57) * 1.54 = 50 Trötringe: 4
n17 = 60 * cos ( 17 / 25 * 1,57) * 1.54 = 45 Trötringe: 5
n18 = 60 * cos ( 18 / 25 * 1,57) * 1.54 = 39 Trötringe: 6
n19 = 60 * cos ( 19 / 25 * 1,57) * 1.54 = 34 Trötringe: 5
n20 = 60 * cos ( 20 / 25 * 1,57) * 1.54 = 29 Trötringe: 5
n21 = 60 * cos ( 21 / 25 * 1,57) * 1.54 = 23 Trötringe: 6
n22 = 60 * cos ( 22 / 25 * 1,57) * 1.54 = 17 Trötringe: 6
n23 = 60 * cos ( 23 / 25 * 1,57) * 1.54 = 12 Trötringe: 5
n24 = 60 * cos ( 24 / 25 * 1,57) * 1.54 = 6 Trötringe: 6
Ich habe ein Java-Script geschrieben, das diese Berechnung übernimmt.
Trötringe einer Kettenhaube:
Text kann nach der Berechnung mit <Strg>+<Einf> aus dem Ergebnisfeld
kopiert werden.
Viel Glück!
Zuletzt ein paar Dinge, die Sie sich zu Herzen nehmen sollten, bevor
Sie anfangen, ein Kettenhemd zu flechten. Welche Aspekte in Ihrem Fall
ernst zu nehmen sind, sollten Sie selbst entscheiden:
2. Warnung
1. Kettenhemden zu flechten als zeitintensive Tätigkeit in den Terminplan
der Freizeitaktivitäten aufzunehmen ist eine Entscheidung von signifikanter
Tragweite.
2. Kettenhemdflechten macht süchtig. - Die Tätigkeit ist anstrengend
und monotom. Deshalb schüttet der Körper einen Botenstoff aus,
der auch bei Joggern oder anderen Ausdauer-Sportlern zu finden ist, und
eine gewisse Verwandschaft zum Adrenalin hat. Das Schmerzempfinden verringert
sich, Glücksgefühle und Euphorie entstehen. Man mag gar nicht
mehr aufhören. Natürlich ist die Dosis und damit das Gefahrenpotential
sehr gering. Trotzdem sollte man diesen Aspekt im Hinterkopf behalten,
und sich zwingen aufzuhören, wenn die Handgelenke schmerzen, was Leistungssportler
nicht immer tun. - Es wurden schon Jogger ins Krankenhaus eingeliefert,
die die Fußsohlen bis auf die Knochen abgelaufen hatten. Das ist
kein Witz!
3. Kettenhemdflechten gefährdet die Gesundheit. Dieser Punkt hängt
mit Punkt 1 zusammen. Durch ein vermindertes Schmerzempfinden bemerkt man
es nicht, wenn Gelenke überlastet werden. Gerade, wenn man einen kopflastigen
Beruf hat, und die Hände nicht trainiert sind, können durch die
ungwohnte Belastung Schäden im Gelenkbereich auftreten. Gelenkknorpel
regeneriert nicht so schnell, wie es z.B. Muskeln tun. Bergsteiger und
Freeclimber wissen das. Die Zellen im Knorpelbereich werden nicht durchblutet,
sondern durch Osmose mit Nährstoffen versorgt, so daß hier Stoffwechselvorgänge
im Zeitlupentempo ablaufen. Auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole:
Wenn auch nur die geringsten Gelenkbeschwerden auftreten, sollte man für
den Tag schluß machen und am nächsten Tag weiter machen. Letztentlich
kommt man damit schneller voran, denn eine ärztlich verschriebene
Zwangspause kann einen für Wochen außer Gefecht setzten.
4. Kettenhemdflechten gefährdet die Gesundheit von Kindern. Ich will
damit nicht sagen, daß Sie, wenn Sie Kinder haben, deren Gesundheit
gefährden, wenn Sie ein Kettenhemd flechten. - Abgesehen davon, daß
Sie deren psychische Gesundheit dadurch gefährden könnten, indem
Sie sich in Ihrer Freizeit lieber um das Kettenhemd statt um ihre Kinder
kümmern. Nein, was ich meine ist, daß Sie, wenn Sie noch nicht
ausgewachsen sind, besonders vorsichtig mit ihren Gelenken sein müssen.
Denn: solange die Knochen noch wachsen, stehen sie an den Gelenken etwas
weiter auseinander, was die Gelenke empfindlicher macht. Gelenkschäden,
die während des Wachstums auftreten, können lebenslange Folgen
haben. Sie können versteifen, Arthritis, Rheuma oder Schlimmeres können
schon im jugendlichen Alter auftreten. Das die kindliche Anatomie besonders
gefährdet ist, wissen wir schon aus der Schule. Mir zumindest wurde
dort gepredigt, den Schulranzen auf dem Rücken und nicht in einer
Hand zu tragen, um die Wirbelsäule zu schonen. Nicht umsonst ist Kinderarbeit
in den meisten zivilisierten Ländern verboten.
5. Kettenhemdflechten macht häßliche Hände. Blasen und
Schwielen bleiben nicht aus. Es bildet sich an einigen Stellen der Handinnenfläche
eine dicke Hornhaut-Schicht. Blasen sollten nicht aufgestochen werden.
Die Natur geht hier von selbst den richtigen Weg. Das Wasser bildet ein
Schutzpolster bis unter der Blase neue Haut nachgewachsen ist. Der wassergefüllte
Knubbel ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, stört aber nicht
weiter. Man kann mit Blasen gut weiterarbeiten.
6. Kettenhemdflechten gefährdet die Beziehung. Wenn Sie irgendwann
von Ihrem Partner vor die Alternative gestellt werden, sich zwischen dem
Partner und dem Kettenhemd zu entscheiden, sollten Sie sich für den
Partner entscheiden. Solche Erpressungsversuche sind in Beziehungen durchaus
üblich und moralisch in Ordnung. Sie können ja fröhlich
weiterflechten, wenn Ihr Partner gerade nicht da ist. - Vorausgesetzt natürlich,
sie vergessen dadurch nicht das Einkaufen oder sonstige Pflichten.
7. Kettenhemden kann man nur selten benutzen. Kettenhemden sind schwer
und unbequem. Üblicherweise werden sie nur bei mittelalterlichen Anlässen
tragen. Man kann sie auch beim Spaziergang im Park oder beim Einkaufen
tragen, das macht jedoch wenig Sinn, solange man nicht auffallen will.
Es wäre auch denkbar, sie in der Disco oder bei ähnlichen Anlässen
anzuziehen, um Aufsehen zu erregen. Ob das immer so gut ankommt, ist jedoch
fraglich.
8. Wenn Draht geschnitten wird, kann ein abgeschnittenes Stück
mit beträchtlicher Geschwindigkeit in eine unbestimmte Richtung fliegen.
Mir wurde von einem Fall berichtet, bei dem ein zum "Wurmen" (s.o.) abgekniffener
Draht im Auge gelandet ist, was einen Operation und einen 1-wöchigen
Krankenhausaufenthalt nach sich zog. Daher beim "Scheiden" (s.o.) und bei
der Arbeit mit unhandlichen Drahtmassen Schutzbrille tragen!
Kettenhemden sind auch kein sicherer Schutz gegen Stichwaffen
oder gar Schusswaffen!
(c) Copyright Tempora Nostra. Autor: Philipp Klostermann. Es gilt der Copyright-Vermerk
der Tempora Nostra Homepage