Bild: Tempora Nostra: Geschichte sehen - hören - begreifen

Mittelalterliches Leben beim 20. Blumenmarkt in Horhausen

HORHAUSEN/LUCHERT. Viele sammeln Briefmarken, wandern gerne oder verbringen ihre Freizeit im Fitneßstudio. Doch bei Gabriele und Philipp Klostermann (beide 31 Jahre) ist das anders. Ihre Herzen gehören dem Mittelalter und es gibt für sie nichts schöneres, als in die Rolle eines Kräuterweibes, einer Gräfin, eines Edelknappens oder eines Reisiger (Fußsoldat) zu schlüpfen. Sie wollen so das mittelalterlich Leben verdeutlichen und den Menschen näherbringen.

Seit Mai vergangenen Jahres zog es die beiden in den Westerwald, in das kleine Dorf Luchert, einem Ortsteil von Horhausen. Beide sind als Unternehmensberater im EDV-Bereich tätig und sie empfinden ihr Hobby, dass ihnen auch handwerkliches Geschick abverlangt (z.B. für das Herstellen der Gewänder) als schönen Ausgleich. "Ritter Philipp" hat sich sogar der Schmiedekunst bemächtigt.

Vor etwa fünf Jahren fing alles an. Gabriele interessierte sich sehr für die Nibelungen und wollte auch einen entsprechenden Roman schreiben. Sie betrieb Kostümkunde und interessierte sich für alles, was zum mittelalterlichen Leben gehörte. Vom Besuch eines mittelalterlichen Marktes war sie so fasziniert, dass sie sich entschloss, eine eigene Gruppe zu gründen. Ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann war ebenfalls begeistert und so wurde die Gruppe oder vielmehr das Projekt: "Tempora Nostra" geboren. Nach und nach konnten im Freundeskreis Gleichgesinnte gewonnen werden und heute besteht die Gruppe aus maximal 11 Leuten.

Das Projekt "Tempora Nostra" (lat. für "Unsere Zeiten") haben die beiden gegründet, um den Alltag im Hochmittelalter mit all seinen Facetten zu erforschen. Ziel des Projektes ist es, die Ergebnisse der meist doch sehr theoretischen Arbeit in eine lebendige und anschauliche Darstellung umzusetzen und das Mittelalter so einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen.

Die Zeit des Hochmittelalters war die Zeit der Kreuzzüge und Minnesänger, die Blütezeit des Rittertums. Der Beginn dieser Epoche wird um 1100 (1. Kreuzzug 1095) und das Ende um 1350 gesetzt. Die Zeit von 1300 bis 1350 stellt eine Zeit des Umbruchs dar, die mit ihren Werten und der Mode jedoch noch zur Zeit des Hochmittelalters gehört.

Die Mitglieder der Projektgruppe repräsentieren Angehörige aus den drei mittelalterlichen Ständen: ein Kräuterweib, eine Magd, ein Knecht, ein Reisiger, ein Edelknappe, ein Medikus, ein Mönch, ein Novize, ein Ritter/Schmied, eine Hofdame und eine Gräfin.

"Für unsere Forschung und die Darstellung gehen wir zwei verschiedene Wege: Einmal versuchen wir, den gesamten Zeitraum des Hochmittelalters zu erfassen und die damals stattgefundenen Entwicklungen (z.B. in der Mode, in der Waffen- und Rüsttechnik oder in der Gesellschaftsordnung) nachzuvollziehen, nicht nur theoretisch sondern auch praktisch, indem wir unsere Kleidung und Ausrüstung so originalgetreu wie möglich nach historischen Vorbildern größtenteils selbst herstellen.

Um mehr Einblick in die Zusammenhänge der Zeit zu gewinnen, beschränken wir uns nicht auf ein bestimmtes Jahr. Andererseits ist diese globale Vorgehensweise sehr unpersönlich, weshalb wir uns, soweit das möglich ist, historische Personen als Grundlage für unsere Darstellung gesucht haben.

Die Recherchen über diese Personen bieten zusätzlich ein ganz anderes, viel detailreicheres Bild über das Mittelalter. Denn wo läßt sich der Alltag besser erforschen, als eben in überlieferten Aussagen von Zeitzeugen, die die zwischenmenschlichen Beziehungen der damaligen Zeit besser widerspiegeln als archäologische Fundstücke", so Gabriele Klostermann im Gespräch mit unserer Zeitung.

Für die Darstellung hat sich die Gruppe für ein Reiselager entschieden. Diese Form der Darstellung macht es möglich, den verschiedenen "Rollen" der einzelnen Mitglieder gerecht zu werden. Das Lager stellt die Rückreise der Loretta von Salm, Gräfin von Sponheim und ihrer Getreuen (Volker von Starkenburg, Heinrich Struphaver, Knecht Bernhard) dar, die bei Papst Johannes XXII in Avignon ihre Aufwartung gemacht haben, um von Kirchenbann befreit zu werden. Auf dem Rückweg haben sich Lorettas Oheim Dompropst Heinrich von Sponheim, der Medikus Babtist Thibaut und das Kräuterweib Alrun angeschlossen.

Wer "Tempora Nostra" kennenlernen möchte, hat dazu während des 20. Blumenmarktes am Samstag, 13. Mai 2000, in Horhausen Gelegenheit. Dort ist ein kleiner Teil der Gruppe zu sehen. Gemeinsam mit der Ortsgemeinde Horhausen wird unter anderem noch eine Veranstaltung für Schulen und Kindergärten geplant, bei der die komplette Gruppe in einem großen Zeltlager mittelalterliches Leben demonstrieren wird. (sm)

Infos:
Gabriele Klostermann, Luchert 45, 56593 Horhausen, Tel. 02687/ 92 11 03, Homepage: www.tempora-nostra.de

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